Tja, einige Strecken haben wir schon im Kielwasser. Es hat bisher gut geklappt und wir haben uns in einen Rhythmus für die Nachtwachen eingependelt. Es sind jetzt nicht mehr 2 Schichten, sondern 4, 2 pro Nase. Dass bedeutet, die erste Wache beginnt um 20:00 Uhr und geht bis 23:00 Uhr, die Zweite von 23:00 Uhr bis 02:00 Uhr und so weiter. Mir kommt vor, so kommen wir fitter durch die Nacht.
Für diese Überfahrt war klar, dass wir nicht die gesamte Strecke unter Maschine fahren konnten, dafür reichte unser Tank nicht und wir wollten zu diesem Zeitpunkt noch keine Zusatzkanister transportieren. Daher mussten wir, nachdem wir die Bucht von Cagliari, die wirklich groß ist, Kurs SSO (SüdSüdost) anlegen. Der Weg durch die Bucht führte uns an einer Raffinerie und anderen Industrieanlagen vorbei und auch durch den dazugehörenden Ankerplatz für Tanker und Frachter, die dort auf Reede liegen.



Wie ihr auf dem mittleren Bild seht, trafen wir auf eine Sperrzone, die für die Tanker zur An- und Abfahrt vorgesehen war. Man hätte vielleicht durchsegeln können, aber wir entschieden uns, sie zu umschiffen, zumal wir ohnehin Weg nach Süden gutmachen wollten. Gleich nach dem Verlassen des Hafens von Cagliari haben wir im Übrigen die Segel gesetzt und kreuzten daher 2 mal auf, damit wir das Kap am Ende der Bucht passieren konnten.
Unser weiterer Kurs trug scheinbar etwas zur Verwunderung unserer Follower bei. Ein Kommentar auf Facebook fragte, ob wir denn jetzt nach Nordafrika wollten. Doch dieser lange Schlag nach Südwesten war dem Routing geschuldet. Einerseits wollten wir in den Südostwind kommen und andererseits mussten wir vorbauen, damit wir nicht in das Lee von Sardinien geraten würden. „Lee“ ist die windabgewandte Seite der Insel und dort bildet sich ein Windschatten mit teils Winden in die Gegenrichtung, sogenannten „Leewirbel“ aus.



Auf dem ersten und dritten Bild sieht man gut diesen dunkelblau eingefärbten Bereich hinter der Insel Sardinien, dem eben beschriebenen „Lee“. Im ersten Bild sieht man das Windfeld, dass wir durch unsere eigenwillige Kurswahl erreichten. Leider kann man nicht ganz so einfach vor dem Wind herfahren, sondern braucht einen gewissen Winkel um mit konventioneller Besegelung auszukommen. Wir haben zwar ein Segel für solche Fälle, einen Blister, an Bord, doch sind wir im Umgang mit diesem 70 Quadratmeter großen Segel noch nicht geübt genug, um damit durch die Nacht zu fahren. Daher führte unser Kurs nach Nordwesten an den Rand der Windströmung. Da dieser seine Richtung und Stärke veränderte gelangten wir schließlich doch in das Lee der Insel (oranger Punkt im linken Bild), hatten aber das Glück, dass der Wind, wenn auch schwächer, konstant weiter die Richtung hielt. Das war für uns auch deshalb schön, da Mr.Breeezzzy, unser Windpilot 2 Tage durchgehend aktiv war und uns die Segelarbeit erleichterte.



Am ersten Bild seht ihr unsere windbedingte Route. Ein etliches Stück weiter konnten wir noch unter Segeln fahren, bevor kurz vor Einbruch der Dunkelheit, am dritten Tag, der Wind zu einem lauen Lüftchen mutierte. Das verlangte uns den Start der Maschine und die weitere Fahrt unter Motor ab. Jetzt hieß es wieder aktiv Steuern, nichts war es mit einer chilligen Nacht. Doch auch diese nahm irgendwann ein Ende.
Am mittleren Bild sieht man meine vier Solarregler, die jeweils von einem 100W Panel gespeist werden. An einem sonnigen Tag erzeugen wir so genug Strom, dass unsere Batterien immer gut gefüllt sind. Das ist wichtig, nicht nur, weil bei Überfahrten immer allerhand Elektronik (Plotter, AIS, Radar, Beleuchtung vorne und hinten, Starlink, Kühlschrank etc.) eingeschaltet ist, sondern auch aus Komfortgründen. Da unsere Standheizung nicht funktioniert und ich den Fehler nicht ausmachen kann, heizen wir mit einem kleinen Lüfter, den ich in San Giorgio erstanden habe. So bläst es wohlig warm auf meine Füße, während ich diesen Beitrag schreibe.
Die Vögel haben offensichtlich an uns einen Narren gefressen. Diesmal war einer in Funktion des Kammerjägers an Bord und hat sich sofort einen Nachtfalter geschnappt. Unglaublich, aber dieser in Relation große Falter ist im Schnabel des Vogels verschwunden.
Kurz vor Mittag begab ich mich mit dem Sextanten bewaffnet an Deck um die sogenannte Mittagsbreite zu messen. Die „Mittagsbreite“ ist ein astronomischen Verfahren zur Bestimmung der nördlichen oder südlichen Breite genau zur Mittagszeit, wirklich genau zur Mittagszeit. Wann das war, habe ich vorher mittels Tabellenbuch und unserer geschätzten Position errechnet. Mit dem Sextanten habe ich dann den Winkel zur Sonne festgestellt und weitere Berechnungen angestellt. Als Ergebnis bekam ich unsere nördliche Breite zum Zeitpunkt der Messung. Der Vergleich mit dem GPS ergab, dass ich nur 2,1 Meilen zu weit nördlich zu liegen kam. Das geht zwar genauer, aber da ich die letzten gleichartigen Messungen vor 2 Jahren bei meine Prüfungstörn vorgenommen habe, bin ich mit dem Ergebnis ganz zufrieden.


Sozusagen als Belohnung gab es ein köstliches Mittagessen a ´la Manuela. In einem angesagten Haubenlokal würde sich das in der Karte in etwa so lesen: „Exotique Allemagne – Currywurst fusioniert mit Frankfurter Würstchen auf einem Bett von Italienischen Tomatencarpaccio, umsäumt von Paprika, an Maiskolben im Gemüsefond serviert. Bon appetite !“ Genau so hat es auch geschmeckt, ein Leckerbissen.
Der Wetterbericht, welchen ich am Morgen über Navtex (Ein spezieller Empfänger für Wetter und Navigationsmeldungen) empfangen habe, sprach von „isolated Thunderstorms“, also von vereinzelten Gewittern. Das war auch zu erwarten, da die umliegenden Cumulus Wolken schon sehr bald sehr hoch reichten. Der Meteorologie spricht von einer „labilen Schichtung“. So tauchten zwischen uns und Menorca Gewitterzellen auf, welche am Radar (rechtes Bild) sehr gut zu erkennen sind. Wir wichen ein wenig vom direkten Kurs nach Süden ab und konnten alle Zellen erfolgreich umfahren ohne nasse Füße oder Köpfe zu bekommen.


Leider zeichnete sich immer mehr ab, dass wir die Einfahrt in die Bucht von Mahon nicht mehr bei Tageslicht erreichen würden. Der Eine oder Andere mag jetzt sagen : “ Wo ist das Problem, ihr habt doch GPS“. Tatsächlich basiert ein Großteil unserer Navigation auf GPS. Doch als verantwortungsvoller Skipper denkt man manchmal auch in sogenannten „Worst Case“ Szenarien. Dieser Worst Case wäre ein Ausfall der Elektronik bei Dunkelheit in der Mitte der engen Einfahrt. Daher habe ich mich mit Karte und „Navionics“ (Navi APP für Seefahrer) am Handy an den Kartentisch zurück gezogen, um eine Skizze unserer Route, sowie eine Liste der anzusteuernden Leuchtfeuer mit Kennung und zu fahrendem Kurs angefertigt. Die zu erwartenden Tiefen habe ich ebenso einbezogen, denn auch der Tiefenmesser kann der Navigation dienen. Nachdem diese Routenplanung für Ein-und Ausfahrt fertig war, begab ich mich zu Manu ins Cockpit die inzwischen die Inspiration auf eine Meile an die Einfahrt in die Bucht herangeführt hat.
Ich muss zugeben, dass mir die Situation nicht wirklich geschmeckt hat. Ein paar Tage zuvor habe ich mit Manuela noch über die Ausbildung für Nachtfahrten philosophiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich eigentlich eine unbekannte Küste nicht bei Nacht befahren möchte. Es reifte in mir die Idee, die Nacht vor der Insel zu verbringen und mit dem erst Licht des neuen Tages einzulaufen. Während ich versuchte , Manuela von der Idee zu begeistern (In Wahrheit waren wir beide nicht sonderlich erbaut von dieser Variante, da wir endlich wieder mal entspannt durchschlafen wollten) tat es eine knarzenden Knall hinter uns. Ich schaute auf und musste erkennen, dass sich während meiner Planungsphase massive Gewitterzellen hinter uns formiert hatten, die sich in Blitzen und Donnergrollen von hinten näher kommend entluden. Damit hatte sich die Idee vom Abwarten erledigt. Also Maschine auf Marschfahrt und ab in den Kanal. Während wir das grüne Leuchtfeuer (Bild links) passierten schälte sich vor uns ein großer Umriss aus der Schwärze vor uns. Zu allem Überfluss hatten wir noch Gegenverkehr in der Fahrrinne, ein Frachter schickte sich an den Fjord von Mahon just jetzt zu verlassen.
Hoch konzentriert fuhren wir durch den Kanal, ich am Steuer, Manu war ein hervorragender Ausguck. Endlich erreichten wir den designierten Ankerplatz (Bild rechts). Wir führten das zur Routine gewordene Manöver aus und nachdem der Motor stoppte, fiel die Anspannung von uns ab.
Das war bisweilen unsere längste durchgehende Überfahrt, knapp 300 nautische Meilen mit einem fulminanten Finale. Jetzt gab es nur noch eins zu tun, den Manöverschluck, diesmal wirklich eine Handbreit Rum im Glas, zu genießen. Das haben wir uns verdient.
So weit so gut! Im nächsten Beitrag lest ihr, wie es uns auf Menorca ergangen ist.
Liebe Grüße!
Gerhard und Manuela