
Guten Morgen, heute ist Montag, wir sind in der Marina Torrevieja nahe der bekannten Urlaubsdestination Alicante. Dieser Stop ist ungeplant, aber wie sich schon in den letzten Wochen gezeigt hat, ist Planen was für das heimische Wohnzimmer.
Als wir Palma de Mallorca verließen, hatten wir guten Wind. Den letzten Beitrag musste ich ja kurzfristig beenden, da es Zeit war, die Segel neu zu justieren. Der Wind hatte aufgefrischt und auch seine Richtung etwas geändert. Wir waren mit ausgebaumter Genua Richtung Südwesten unterwegs. Das Studium der WindApps zeigte, dass der Wind auf dem gesamten Gebiet zwischen der afrikanischen und der spanischen Küste merklich stärker werden wird. 6- 7 Beaufort, also bis zu 33 Knoten Wind. Die Frage war, wo würde es tendenziell ein bisserl wengier Wind haben? Richtung Afrika oder Richtung Spanien? 50:50!
Wir interpretierten die Daten und kamen zu dem Schluss, dass die spanische Küste die bessere Wahl war. Somit bauten wir den Spibaum ab und versorgten diesen. Ein nicht ganz unproblematisches Manöver bei stärker werdendem Wind. Bobby Schenk, ein Pionier der deutschen Weltumsegler bezeichnete die Bäume auf einer Segelyacht (Großbaum, Spibaum) einmal als „Widowmaker“. Mit Ruhe, Überlegung und Teamwork gelang dieses Manöver aber zu unserer Zufriedenheit.
Danach fuhren wir die Halse, also auf neuem Kurs, wieder mit dem Wind von schräg hinten, doch nun von der anderen Seite. (Es gibt 2 wesentliche Manöver beim Segeln. Einerseits die Wende, bei der man mit dem Bug durch den Wind dreht. Andererseits die Halse, bei der das Heck durch den Wind dreht. In beiden Fällen werden die Segel auf die jeweils andere Seite gebracht. Die Wende ist unproblematisch, da auf Wendekursen der Großbaum immer relativ mittig steht und fixiert ist. Bei Halsekursen ist der Großbaum weit draußen, dass ist dem Windeinfallswinkel geschuldet, und muss vor dem Manöver erst in die Mitte gezogen werden. Ansonsten würde es gefährlich werden, wenn der Großbaum jäh und mit Wucht die Seite wechselt)
Nach der Halse nahmen Wind und Welle auch schon rapide zu. Statt der gemütlichen 4 Windstärken, mit denen wir den ganzen Nachmittag dahingezogen sind, hatten wir nach kurzer Zeit Windstärke 6. Zu diesem Zeitpunkt waren wir aufgrund unserer Wetterinterpretation noch in dem Glauben, dass sich in einigen Stunden eine deutliche Abschwächung einstellen würde. Mittlerweile hat sich die See ein wenig gesteigert und die Wellen hoben und drehten das Boot in einer Weise, mit der Mr. Breeezzzy überhaupt nicht klar kam. Nach so einer Welle luvte das Boot so stark an, dass die Windsteuerung nicht mehr in der Lage war, entsprechend zu korrigieren. Wir mussten immer wieder selbst Hand anlegen.
Kürzlich ist im Blog der Seenomaden ein interessanter Beitrag über die mittlerweile oft mäßig gute Vorhersagbarkeit des Wetters erschienen, den Link dazu findet ihr ganz unten. Ob wir die Wetterdaten falsch interpretiert hatten oder tatsächlich eine unvorhersehbare Änderung eintrat, traue ich mir nicht zu sagen. Tatsächlich war die Entscheidung, gen der spanischen Küste zu segeln, die schlechtere Wahl gewesen, denn Stunden später zeigten die WetterApps deutlich schwächere Winde entlang der afrikanischen Küste (welcher in den Prognosen definitiv nicht zu sehen waren). So ging es mit Wind und Welle in die Gott sei Dank helle Vollmondnacht, jedoch nicht gemütlich unter Windsteuerung. Da dies anstrengender als erwartet war, verkürzten wir die Schichten auf 2 Stunden, was zur Folge hatte, dass wir am Morgen deutlich weniger ausgeruht waren.
An einem dieser Schichtwechsel, ich hatte mich gerade am Steuer eingerichtet, erkundigte sich Manu vor dem zu Bett gehen noch, ob ich nicht eine Decke nehmen möchte, denn es sei etwas kühl. Ich verneinte, ganz der Seebär, der ich bin. Tatsächlich hat das weniger mit Seebär, als mehr mit Bewegungsfreiheit zu tun. Da wir immer angeleint sind, verheddere ich mich ohne Decke schon immer wieder in der Leine, was mich „kirre“ macht. Bin ich dann auch noch in eine Decke gehüllt, die sich in Kombination mit der Lifeline und allfälligen anderen Leinen wie ein Kokon um meine Beine hüllt, bekomme ich die Krise. Also sicher keine Decke, lieber ein wenig frösteln.
Jetzt hat es sich zugetragen , dass ich vor einigen Wochen, wie berichtet die Auswahl meines Schuhwerks vergrößert habe. Neben die „Clownsschuhe“ traten passendere Crocks und meine Decksschuhe, beides in dem Labyrinth – Minimarkt erstanden. Die Decksschuhe, welche Manuela immer als „Gerhards Ballerinas“ bezeichnet, trage ich gerne Nachts, da sie zumindest ein wenig wärmen. Bei den herrschenden Wetterbedingungen hätten die Gummistiefel wohl besser gepasst, jedoch hab ich, ganz der Seebär, aus Gründen der Leichtigkeit und Bewegungsfreiheit großzügig auf diese verzichtet und die zarten Ballerinas übergezogen.
Nach ca. einer Stunde in heulendem Wind und tosender See mutierte der Seebär in mir zu einem „Seebärli“. Es wurde kalt im Untergschoss. Etwas widerstrebend griff ich nach der Decke, um meine Beine in diese einzuwickeln. Ein Unterfangen, dass eine viertel Stunde in Anspruch nahm, denn wie gesagt, der Lifebelt will integriert werden und dann setze man sich noch so auf die Decke, dass die Wicklung bei der nächsten, heftigeren Schiffsbewegung sich nicht gleich wieder von selbst auflöst. Als es vollbracht war, stellte sich ein wohlig warmes Gefühl im Fußraum ein. Manchmal ist es auch schön, ein Seebärli zu sein.
Gefühlt 5 Minuten, nachdem ich mich so komfortabel eingerichtet hatte, hörte ich, während sich das Heck der Inspiration langsam empor hob, ein Brausen und Gurgeln. Ich schaute zurück und sah nicht, wie erwartet, die durch das fahle Mondlicht beschienene See, sondern eine schwarze Wand. Während sich mittlerweile die Inspiration in ihrer Gesamtheit anschickte, nach oben zu drängen, ging mein Blick der Wasserwand entlang aufwärts. Als ich sah wie es rauschte und schäumte, brach die Welle schon auf unserem Spiegel (das schräge Heck einer Yacht). Das war jetzt nichts Gefährliches, es kam nur unerwartet.
Nun müsst ihr wissen, dass das Cockpit einer Yacht so konstruiert ist, dass es eine nicht unerhebliche Menge an Wasser kurzfristig aufnehmen kann, welches dann durch sogenannte Lenzrohre am Heck wieder abfließt. Wichtig ist in diesem Fall, dass etwaige Fenster zum Cockpit hin sowie das Steckschott des Niedergangs geschlossen sind, ansonsten ergießt sich die See ins Schiff hinein. Darüber brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, denn das ist ohnehin unser Standardsetting für Fahrten mit Seegang. Die Lenzrohre sind 2 Rohre mit jeweils ca. 5 cm Durchmesser, damit das Wasser schnell abfließen kann.
Diese Rohre funktionieren jedoch in beide Richtungen. Ihr könnt es euch denken, die Welle die am Spiegel brach, benutzte die Lenzrohre wider ihrer Bestimmung und spülte Wasser ins Cockpit herein, hauptsächlich genau dort, wo sich meine, in die Decke verpackten, Füße befanden. Es scheint, die Decke und der Klabautermann stecken unter „einer Decke“, denn genau diese Decke wurde gerade frisch gewaschen, nachdem sich der Kaffee auf sie gestürzt hatte. Im Ergebnis war der vormals wohlig warme Hort meiner Füße nun nass und kalt, getränkt von den Wassern der See. Schlagartig fühlte ich mich nicht mehr wie ein komfortables Seebärli, sondern wie Arielle die Meerjungfrau, Stichwort „Ballerinas“.
So ging es die ganze Nacht hindurch , geschätzt bis zu 3 Meter hohe Wellen, nicht dauernd sondern alle paar Minuten, begleitet von böigem Wind, Stärke 7. Da sich über Nacht auch noch ein Problem mit der Lichtmaschine oder der Starterbatterie ergab und wir wirklich müde waren, entschloss wir uns einen Hafen anzulaufen. 8 oder 9 Stunden später machten wir hier, in Torrevieja fest. Gerade eben war der Techniker da und hat die Starterbatterie gewechselt. Das Problem am Motor mit der Lichtmaschine beziehungsweise mit dem schlechten Startverhalten ist jedoch noch nicht gelöst. Im Gespräch mit Oskar, dem vermutlichen Chef von Oskar Yacht Service, einem dankenswerterweise deutsch sprechenden Nordländer, haben wir vereinbart, dass wir morgen in die Marina Salinas, welche gleich nebenan liegt wechseln. Dort hat er seine Werkstatt und führt die Arbeiten am Motor aus. Wir werden also noch ein paar Tage mehr hier verbringen.

Tatsächlich habe ich mich in der Vorbereitung auf die Reise wohl ein wenig blauäugig darauf verlassen, dass der Motor gut in Schuss ist. Er war es auch, doch ist er in den letzten 4 Wochen mehr gelaufen als viele Jahre zuvor. Aber es hilft nichts, der Motor und die Segel müssen in Ordnung sein, bevor wir über den Ozean gehen, deswegen wird unser Budget in den nächsten Wochen etwas dahinschmelzen.



Mittlerweile haben wir die Stadt Torrevieja in Augenschein genommen. Die Stadt hat ungefähr 90.000 Einwohner. Bemerkenswert ist, dass nur 50% Spanier sind, die nächsten größeren Gruppen stellen Briten, Russen, Deutsche und Schweden. So verwundert es auch nicht, dass auf dem Nachbarboot, einer deutschen Bavaria 39, Vlad aus der Ukraine lebt.
Das Straßennetz der Stadt lässt vermuten, dass sie einst in der Phase des Wachstums auf dem Reißbrett geplant wurde, eine echte Altstadt sucht man vergeblich. Dies tut dem Charme aber keinen Abbruch. Die Straßen die fast parallel zu der Küstenmeile verlaufen sind gefüllt mit Restaurants, Tapas- und Coktailbars, sowie Geschäften aller Art, vom Touristentrödel, über Optiker bis hin zu E-bike Stores. Eine Markthalle, wo man Fisch, Gemüse und Ledertaschen erstehen kann, befindet sich ebenfalls nur wenige Gehminuten entfernt.



Gestern, Sonntag, waren hier fast alle Geschäfte geschlossen, so wie bei uns zuhause. Einzig die Floristen hatten geöffnet und der eine oder andere Minimarkt. Unser Weg auf der Suche nach Rauchwaren für den Skipper führte uns zu einer Tankstelle. Im Kühlregal habe ich Sonderbares entdeckt, zumindest im Vergleich mit einer Tankstelle in Österreich. Ansonsten ist es sehr schön hier, das Wetter lädt zum Verweilen ein, doch die Seemannsbeine wollen wieder laufen. Wir hoffen, dass die anstehende Reparatur nicht zu lange dauern wird und wir bald wieder die Seeluft atmen können, spüren wie uns der Wind durchs Haar weht und wir die Wogen auf und abreiten können.




Bis Bald und ganz liebe Grüße
Gerhard und Manuela
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