Die ersten Schritte auf dem Atlantik

Vor einigen Tagen war es dann soweit. Wir verließen La Linea. Der Felsen von Gibraltar war in ein dichtes Wolkenkleid gehüllt, so als ob er nicht Abschied nehmen wollte. Bis wir den Felsen von Gibraltar wiedersehen würden, werde wohl einige Zeit vergehen. Vor uns erstreckte sich die Bucht von Gibraltar. Der Wind bließ von Südost in einer Stärke, die zum Segeln schon ausgereicht hätte. Unsere multiple Erfahrung mit dem Verkehr auf dem Wasser, sei es von Ancona oder der Straße von Messina ließ uns in Geduld üben. Wir fuhren unter Maschine quer durch die Bucht. Das war unter Anderem deswegen eine gute Idee, weil sich auf der Nordwestseite das Containerterminal befand. Der rege An- und Abfahrtsverkehr der mittleren und großen Containerschiffe war zwar interessant zu beobachten, aber uns graute vor der Vorstellung, zwischen diesen Riesen hin und her zu wenden.

Als wir dieses frequentierte Gewässer zu dreiviertel passiert hatten, hielt uns nichts mehr. Die Segel waren gesetzt und die Inspiration schmiegte ihre Steuerbordseite sanft an die Wellen an. Die Straße von Gibraltar selbst, die wir nun von Ost nach West durchquerten war anfangs, nahe der Küste mit nur kleinen Wellen übersät. Da wir uns nun in der seit einigen Jahren berüchtigten „Orca Alley“ befanden, ließen wir den „Wal – Pal“ zu Wasser. Dieser versprach laut Experten einen gewissen Schutz vor den ruderbrechenden Orcas.

Hier in der Straße von Gibraltar gab es schon lange Zeit eine mehr oder weniger ortstreue Schwertwalpopulation. Vor drei oder 4 Jahren begann eine kleine Gruppe die Ruderblätter von Segelyachten in Augenschein zu nehmen. Es ist bis dato nicht klar, was der Zweck oder die Absicht dahinter ist. Was allerdings feststeht, ist, dass die Schwertwale sehr intelligente Tiere sind, die eine Art der Kommunikation betreiben. So ist das Verhalten einzelner Orcas auf mehrere in kurzer Zeit übergegangen. Weiters führt das Zusammentreffen von Schwertwal und Segelyacht meist zu schwerwiegenden Schäden an der Ruderanlage und vereinzelt auch zum Untergang der Yacht durch massiven Wassereintritt beim Ruderschaft.

Ein Forscher namens Rui Alves betreibt eine Webseite, sowie mehrere Telegramgruppen, um über Vorfälle mit Orcas, Position und Zugbahnen dieser zu informieren. Aufgrund einer persönlichen Empfehlung von Rui folgten wir der 20m Tiefenlinie entlang der Küste, da diese Schwertwale eher in tieferem Wasser operierten. Des Weiteren haben wir als Abwehrmaßnahme auf den „Wal-Pal“ gesetzt, einen Ultraschallsender, der die Orcas fern halten sollte. Um einem Wassereinbruch unter Kontrolle zu haben, besorgten wir für die Inspiration noch eine leistungsfähige, Benzin betriebene Wasserpumpe.

In der Straße von Gibraltar wehte der Wind fast gerade von Ost nach West. Da wir die Genua nicht ausbaumten, sondern klassisch mit voller Genua und gerefftem Großsegel unterwegs waren, mussten wir vor dem Wind kreuzen. Je näher wir der Mitte der Straße kamen, umso stärker wurden Wind und Wellen. Und auch die Tiefe wuchs an. Wir entfernten uns schnell von der 20m Marke. Daher zogen wir das Großsegel ganz ein und steuerten einen Kurs annähernd vor dem Wind. Es machte Spaß, wieder einmal selbst das Ruder zu führen. Obwohl wir bei der Einfahrt in die Straße angenehme 3 – 4 Bft Wind gehabt hatten und die Windprognose gleichbleibende Winde erwarten ließ, nahm der Wind schön langsam Fahrt auf. Zuerst Windstärke 5, wenig später böige 6 veranlassten uns, die verbliebene Genua immer mehr zu reffen. Unserer Geschwindigkeit tat das keinen Abbruch, mit 5- 7 kn glitten wir unserem Tagesziel, einer Bucht westlich der Festung von Tarifa entgegen.

Die Route nach Cadiz und dann direkt auf die kanarischen Inseln war auch eine Empfehlung von Rui Alvez. Dadurch würden wir die Gefahrenbereiche großräumig umfahren. Da in dieser Gegend mit unbeleuchteten Fischernetzen zu rechnen war, entschieden wir uns, nur tagsüber zu fahren. Damit ergaben sich 3 Tagesetappen, die Erste von Gibraltar nach Tarifa, die Zweite von Tarife nach Barbate und die letzte Etappe von Barbate nach Porto Sherry in der Bucht von Cadiz.

Als die Festung von Tarifa sich schön langsam vom Horizont abhob wurden wir bunter Flecken gewahr, welche über und neben der Festung hin und her flitzten. Diese Flecken waren keine Fata Morgana, sondern es handelte sich um Kite – Schirme. Damit das Kiten gut funktioniert, braucht man Wind, am Besten viel Wind. Die Schirme und die daran hängenden Kiter waren hinter der Festung, somit genau in der Bucht, die wir aufgrund der vorherrschenden Windsituation für unsere Nacht ausgewählt hatten. So war es dann auch, als wir den Bug der Inspiration in die Bucht drehten. In der Abdeckung der Festungsinsel waren wir vor den anwachsenden Wellen gut geschützt, allein der Wind ließ nicht nach. Mit diesem Umstand hatten wir schon gerechnet, da diverse Rezessionen das schon festgestellt hatten.

Ganz im Sinne des gemeinsamen Sportsgeistes nahmen wir und die Kiter Rücksicht aufeinander. Als die Kiter unsere Absicht, hier zu Ankern, erkannten, machten sie entsprechend Platz und wir wiederum wichen in der Anfahrt zum Ankerplatz diesen Akrobaten weiträumig aus. Den Bug genau in den Wind gerichtet, fiel der Anker auf 7m Wassertiefe, 40 m Kette folgte diesem. Den Anker gruben wir in Rückwärtsfahrt in den gut haltenden Sandgrund ein und prüften den Halt mit 1500 Umdrehungen achteraus Fahrt. Wir lagen fest und sicher. Der Wind stieg in dieser Nacht auf Windstärke 6, die Böen auf Windstärke 7. Selbige ließen das Boot ein wenig hin und her schwanken. Wir hatten den Ankerplatz so gewählt, dass wir genug Abstand zum Ufer hatten. Hinter uns, also die Richtung, in die das Boot im Falle eines rutschenden Ankers abtreiben würde, war der offene Atlantik. So sicher liegend folgte das obligate köstliche Mahl und ein entspannter Schlaf.

Das „Anker auf“ Manöver am nächsten Morgen hatte es in sich. So hatten wir das auch noch nie erlebt. Der Wind hatte nochmal zugelegt und fegte in Böen über die Bucht. Normalerweise zeigt mir Manuela, während sie den Anker mit der Ankerwinsch einholt, an in welche Richtung die Ankerkette vom Boot weg weist. Entsprechend ihrer Zeichen setzte ich mit dem Boot zurück oder steuere die Inspiration in Richtung der Ankerkette. Unsere Ankerwinsch wäre so kraftvoll, dass sie die Inspiration auch zum Anker ziehen könnte, doch eine solche Vorgehensweise beansprucht die gesamte Anlage sehr stark. Mittels der unterstützenden Manöver läuft die Ankerwinsch immer relativ locker und minimal belastet.

Der böige Wind ließ die Inspiration hin und her tanzen. Unter diesen Bedingungen war es schwierig, den Anweisungen vom Bug zu folgen, da ich, am Steuer hantierend, oft viel mehr Schub geben musste, als bei ruhigem Wetter. Dadurch beschleunigte die Yacht und fuhr über die Ankerkette hinaus, um, bei Reduktion der Leistung sofort zu drehen, wenn der Wind seinen Griff um den Bug legte. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam der erlösende Ruf vom Bug: „Anker frei“. Wir legten das Heck in den Wind und verließen, vom Wind angeschoben die Ankerbucht in „Windeseile“.

Tarifa rühmt sich, die südlichste Stadt des Kontinentes zu sein und markiert auch das Ende der Straße von Gibraltar. Wir waren nun endgültig auf dem Atlantik angekommen. Da der gestrige Tag wenig Sonne für uns parat hatte, waren unsere Akkus durch die Solaranlage nicht sonderlich gut gefüllt worden. Der Stromverbauch in der Nacht tat das seinige zu einem niedrigen Batteriestand. Daher entschieden wir uns vorerst die Maschine laufen zu lassen, denn dann lädt die neue Lichtmaschine unsere Bordbatterien. Bis diese wieder auf einem vertretbaren Ladestand waren, dauerte es ein wenig. In dieser Zeit ebbte der Wind ab, um, je weiter wir an der Küste vordrangen, in die Gegenrichtung zu drehen. Mit dem Wind von Vorne hatte es keinen Zweck die Segel zu setzten, zumal wir heute an der 20m Tiefenlinie kleben wollten.

Vor uns lag ein geschichtsträchtiger Ort. Das berüchtigte Kap von Trafalgar. Im Jahre 1805 focht der britische (Vize-) Admiral Nelson gegen eine spanisch – französische Flotte, welche eine Seeblockade von der Bucht von Cadiz aus durchbrechen wollte. Am Kap Trafalgar trafen die beiden Flotten zusammen und die Seeschlacht entbrannte. Dank des taktischen Geschicks Lord Nelsons sowie einer technischen Überlegenheit in Bezug auf die Kanonen, gingen die Briten siegreich aus der Schlacht hervor, wobei Nelson mit seinem Leben bezahlte.

Gonzalo, ein spanischer Freund, der die Gewässer bei Kap Trafalger kannte, warnte uns vor den Strömungen. Als wir näher an das Kap heran kamen, konnten wir auch schon die vorgelagerten Riffe erkennen, an denen die Ozeanwellen tosend und weiß schäumend brachen. Wir setzten einen Kurs, der uns die Riffe mit ausreichend Sicherheitsabstand passieren ließ. Dabei achteten wir ebenso auf die Tiefe, um nicht in zu tiefes Wasser zu gelangen. Überrascht stellten wir fest, dass es hier generell nicht sehr tief war. Das war neu, denn im Mittelmeer war die Wassertiefe in diesem Abstand zur Küste meist 200 Meter und mehr, hier jedoch nur 15 bis 20m.

Schön langsam verschwand das Kap im Kielwasser. Die Inspiration lief parallel zur Küste nach Westen. Die lange Welle des Atlantiks hob uns empor um uns sogleich wieder im Wellental verschwinden zu lassen. Es war einen viel längere Welle, als wir es im Mittelmeer gewohnt waren. Eine angenehme Veränderung, obgleich der Skipper anfangs so seine Schwierigkeiten damit hatte. Irgendwie hatte ich ein wachsendes, flaues Gefühl im Magen. Die Landratte hätte jetzt wohl den Medikamentenkoffer rausgeholt und nach Seekrankheitstabletten gesucht, doch nicht der Seebär, der ich schön langsam wurde. Ich goß mir kalten Kaffee, welcher vom Frühstück übrig war in meine Tasse, stopfte mir eine Pfeife und ging ans Steuerrad. Die Pfeife dampfend im Mundwinkel, denn Kaffee in der rechten , das Steuer in der linken Hand, ließ ich meine Blick gen Horizont gleiten, sprach das magische Wort aus: „Harrrrrrr!!!“, und schon war es mit der leichten Übelkeit wieder vorbei.

Der Schlag nach Barbate war nicht sehr lang und so erreichten wir am frühen Nachmittag diesen Hafen. Der Marinero half uns beim Anlegen und bat mich, doch mit den Dokumenten in sein Büro zu kommen. Der Hafen von Barbate ist, wie soll man sagen, groß aber derzeit in keinem berauschenden Zustand. Man weiß irgendwie nicht, ob die dort gerade was Neues aufbauen, oder ob schon die Verfallsphase angefangen hat. Doch das war nicht so wichtig, denn wir waren ohnehin nur für die Nacht hierhergekommen. Interessant war, dass hier eine Gruppe von 15 und mehr Katzen beheimatet war, um die sich die Marinaverwaltung auch kümmerte. Schilder wiesen darauf hin, dass es nicht gestattet sei, eine dieser Katzen mitzunehmen.

Wir wollten am nächsten Morgen früh los, doch irgendwie war es dann doch schon wieder 10:30 Uhr bis wir die Marina verließen. Vor uns lag wieder ein Windschwacher Tag, der viel Motorlauf bringen würde. Zumindest kam die Sonne heraus und spendete uns Wärme. So fuhren wir gemütlich entlang der Küste bis Cadiz.

Als wir die Einfahrt zur Bucht erreichten, fing es schon an zu dämmern. Porto Sherry hatte unsere Reservierung angenommen und uns einen Liegeplatz zugewiesen. Das war neu, doch wir sollten später noch merken, was es damit auf sich hatte. Um an unsere Zieldestination zu gelangen, war es nötig, den Anfahrtsweg zum Hafen von Cadiz zu kreuzen. Natürlich, wie sollte es anders sein, kamen genau in dem Moment, in dem wir mitten im Fahrwasser waren zwei Containerschiffe auf uns zu und damit es nicht langweilig wurde, eins von links und eins von rechts. Die Maschine jubelte unter der erhöhten Drehzahl. Wir konnten das Fahrwasser verlassen, bevor uns diese Ungetüme erreichten. Mittlerweile war es dunkel geworden. Hier war das Wasser sehr flach, doch die Ebbe hatte noch nicht voll eingesetzt, wodurch wir immerhin noch 8 m Wassertiefe hatten. Prinzipiell kann man Porto Sherrey immer anfahren, unabhängig davon, welche Gezeit gerade vorherrscht. Doch die Karten warnen vor der Verschlammung der Hafenzufahrt und so konzentrierten wir uns sehr darauf in möglichst tiefen Wasser zu bleiben.

Gerade als wir auf die Hafeneinfahrt zusteuerten, wies mich Manu darauf hin, dass da Segelyachten aus dem Hafen kommen würden. Toll, denn die Einfahrt war nicht sehr breit und wir mussten noch um einen Fahrwassertonne herumsteuern. Der Skipper der entgegenkommenden Yacht dürfte die Situation auch mit einer gewissen Skepsis betrachtet haben, denn er tat das Selbe wie wir, er drosselt die Fahrt. So glitten wir mit wenigen Metern Abstand, freundlich grüßend, aneinander vorbei. In der Hafeneinfahrt schnappte ich mir das Handfunkgerät und trällerte : „Porto Sherry, this is Inspiration, Inspiration, Inspiration!“. Nichts. Nach mehreren Anrufen war eine spanisch sprechende Stimme zu hören. Ich fragte nach „Englisch“ und der Diensthabende versicherte mir auf Englisch, dass heute niemand mehr hier sei, wir morgen zwischen 9 und 12 wiederkommen sollten und er sowieso kein Englisch sprach.

Doch das kam für uns nicht in Frage. Jetzt wurde uns klar, warum uns das Büro von Porto Sherry den Liegeplatz im Mail genannt hatte. Wir steuerten auf den Ponton „P“ zu , legten längsseits an und begaben uns auf die Suche nach dem Platz 28. Als wir diesen gefunden hatten, legte ich wieder ab, während Manuela am Liegeplatz auf mich wartete, um die Leinen zu übernehmen. Kurz darauf lag die Inspiration fest und sicher am Fingersteg. Leider konnten wir nicht Duschen gehen, denn wir hatten keine Chipkarte um wieder auf unseren Steg zu gelangen, doch der Sundowner machte dass mehr als weg.

Tags darauf mussten wir erfahren, dass am Sonntag das Büro nicht besetzt war. Ein nur spanisch sprechender Mitarbeiter des Wachschutzes kam uns zu Hilfe und fuhr uns zu einem Marinero, welchem wir mit Händen und Füßen unser Anliegen erklärten. Dieser schien zu verstehen was wir meinten und versorgte uns mit der Zugangskarte.

Hier, in Porto Sherry werden wir etwa 10 Tage liegen. Wir bereiten die Inspiration auf den Atlantik vor. Der Segelmacher war schon an Bord und hat das Boot vermessen. Für heute, Donnerstag, hat er die Lieferung des Segels zugesagt. Mittlerweile haben wir einige Wartungsarbeiten an der Inspiration durchgeführt. Wir möchten hier unseren besonderen Dank an die Unterstützer und Spender aussprechen, deren Zuwendungen sofort in neue Genualeinen, Schäkel und einen antibakteriellen Treibstoffzusatz investiert wurden. Vielen Dank dafür!. Da diese Marina für die technischen Belange ideal ist, aber zur Versorgung nur ein Supermarkt zur Verfügung steht, werden wir noch einen Abstecher nach Cadiz machen, um die Vorräte für die Atlantiküberquerung anzulegen. Wie das genau aussieht erfahrt ihr im nächsten Beitrag.

Alles Liebe!

Gerhard und Manuela!

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Gerhard und Manuela!

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