Wir nahmen Kurs aus Clifton Harbour, umschifften die großen Riffe im Süden mit respektvollem Abstand und richteten den Bug der Inspiration gen Westen. Als wir aus der geringen Windabdeckung herauskamen, setzten wir die halbe Genua und ließen uns von den achterlich einfallenden Winden dahintragen. Zu unserer Freude befanden wir uns zudem noch in einer Strömung, welche uns zusätzlich ein wenig Geschwindigkeit verlieh. Die See war ruppiger als gehofft und so waren wir schnell an unsere Atlantiküberquerung erinnert, denn es war ständig Bewegung im Schiff. Von einer Seite zur anderen und wieder zurück.
Die erste Nacht verlief dennoch ganz passabel, denn wir kamen gut voran. Auch der Kurs, ca.260 Grad ließ sich mit wenigen Ausnahmen gut halten. Die zu bewältigende Strecke belief sich auf circa 450 Seemeilen, Wir planten 5 Tage ein. Am zweiten Tag änderte sich wie erwartet die Windrichtung ein wenig, gerade so viel, dass es Sinn machte, den Spibaum zu setzen. Wir baumten unsere Genua an steuerbord aus und liefen mit Wind von backbord bzw. genau von hinten auf die Südspitze von Bonaire, aus unserer Sicht die Erste der ABC Inseln, zu. Wir machten gute Fahrt und genossen es, wieder fernab von Festland und Inseln zu segeln. Delphine gaben sich die Ehre, alles lief bestens.
So begingen wir die zweite Nacht. Mittlerweile probierten wir einen neuen Wachrythmus aus. Manuela übernahm die erste Wache von 20:00 Uhr bis 01:00 Uhr und ich dann die zweite Wache von 01:00 bis zum Morgen. Dies schien gut zu funktionieren, denn so bekam jeder von uns ausreichend Schlaf am Stück. Mr. Breezzzy steuerte die Inspiration schon seit Stunden ohne Unterlass auf dem gewählten Kurs, Jedwede Welle wurde von unserem Windpilot ausgezeichnet ausgeglichen und so sollte es auch sein, als ich die Wache übernahm, zu meinem Glück ein wenig verspätet, denn mein Wecker hat nicht geläutet, oder ich hatte ihn nicht gehört. Manu ließ mich ein wenig länger schlafen, denn es war alles ruhig und normal. Als ich schließlich um 2 Uhr die Wache übernahm, machte ich es mir im Cockpit bequem. Wie zu Wachantritt üblich, kontrollierte ich den Kurs, die Segelstellung, nahm die eine oder andere Anpassung vor und setzte mich so hin, dass ich immer das Radar im Auge hatte. Ich widmete mich einem Hörbuch, zwischendurch immer wieder rund schauend, ob es was Besonderes zu sehen gab. Um vier Uhr vernahm ich ein Geräusch, einen metallisches Knall. Aufgrund meiner Sitzposition verortete ich das Geräusch unter Deck, Meine Vermutung war, dass etwas in der Achterkabine umgefallen oder Verrutscht war, zumal die nun vereinzelt höhere Wellen das Heck des Bootes trafen. Wenige Minuten später gab es einen weiteren Knall, so laut, dass Manuela jäh aus dem Schlaf gerissen wurde und aus der Vorschiffskabine stürmte.
Obwohl ich immer noch der Meinung war, es handelte sich um ein Problem unter Deck, überzeugte mich Manu, das Deck in Augenschein zu nehmnen. Als ich den Lichtkegel der Stirnlampe nach vorne richtete, sahen wir die Backbord Unterwant los am Mast baumeln. Sofort blickten wir nach Steuerbord und erschraken bei dem Anblick der fast völlig geborsten Unterwant und dem bedrohlich wankendem Mast. Manuela streifte kurz was über, und wir holten sofort das Segel ein, so weit es ging, denn es war ja am Spibaum angeschlagen. Gleichzeitig starteten wir die Maschine und Manuela übernahm das Steuer, während ich Maßnahmen zu Sicherung des Mastes einleitete. Die Wellen taten das Ihre dazu, die Situation unentspannter zu gestalten, den bei jedem Wellenberg, der uns traf, vollführte die Mastspitze kunstvolle Bewegungen, welche die verblieben Unterwant entspannte und dann unter einem Knall wieder belastete. Würde diese auch noch brechen, wäre es wohl vorbei mit unserem Mast.
Nach mehreren Veruchen gelang es mir ein Seil um die, der gebrochenen Want gegenüberliegenden Maststrebe (Saling) zu werfen und diese so zu verspannen, dass der Mast sein wildes Geschaukel beendete. In ruhiger See hätte das wohl genügt, doch die vereinzelt kommende, relativ hohe Dünung, veranlaßte den Mast weiterhin bedrohlich zu wanken. Es war Zeit für einen reiflich überlegten Plan gekommen. Wir besprachen, was zu tun sei und gingen ans Werk. Während ich die entsprechenden Arbeiten ausführte, steuerte Manuela die Inspiration sanft durch die Wellen. Derweil schaffte ich mittels dem verbliebenen Rest der Want, Seilklemmen, einem Festmacherseil und einer Umlenkrolle ein Konstruktion, die es uns erlaubte die gebrochene Want mittels der Genuawinch im Cockpit so fest anzuziehen, dass der Mast so gut wie möglich gesichert war. Es wurde Gott sei Dank schon hell, ein wahrer Segen für die Arbeiten auf dem Mittelschiff. Trotz der hervorragenden Steuerleistung von Manu, wankte des Schiff unter den Wellen ordentlich hin und her. Ich war natürlich gesichert, musste mich trotzdem am Mast festhalten, während ich die Seilklemmen anbrachte. Dies hatte zur Folge, dass ich kurz vor Ende der Operation meine Ratsche samt Verlängerung und 13er Nuss in den Tiefen des karibischen Meeres versenkte.


Mittlerweile waren 2,5 Stunden vergangen, es kam uns jedoch wie eine halbe vor. Wieder vereint im Cockpit spielten wir unsere Option durch. Wir hatten vom Tausch auf den Kap Verden noch ein altes, passendes Reservewant dabei, doch hier draußen , bei diesem Wellengang war ein Wechsel undenkbar. Bis nach Curacao waren es noch gut 200 Seemeilen. Der Blick in die Karte zeigte, dass die venezuelanische Insel Isla la Blanqulilla mit 30 Seemeilen am Nächsten lag. Wir änderten den Kurs und führten die Inspiration wie auf rohen Eiern durch die wogende See, Obwohl der Mast nun gesichert war, begann er bei besonders hohen Wellen trotzdem immer zu wackeln. Daher konnten wir nicht sicher sein, die Insel mit stehendem Mast zu erreichen, Aus diesem Grund funkten wir die Küstenwache auf Kanal 16 an, konnten jedoch niemand erreichen. Dies war wohl der Entfernung zum Land geschuldet. Doch das AIS offenbarte, dass ein Frachter in Reichweite war und tatsächlich klappte die Verbindung. Wir informierten den Diensthabenden über unsere Lage und baten darum, die Coastguard zu informieren. Auf seine Frage hin, welche Coastguard ich den haben möchte, meinte ich, das würde keine Rolle spielen, doch der Stützpunkt auf der Isla la Blanqulilla wäre wohl der Näheste. Dankend verbaschiedeten wir uns und setzten die Fahrt fort. In den weiteren Stunden hatte es den Anschein, dass der Frachter seinen Kurs geringfügig in unsere Richtung änderte. Während wir den Frachter in einer halben Meile Entfernung passierten, nahm ich nochmal Kontakt auf, um nach der der Reaktion der Coastguard zu fragen. Ich war überrascht zu hören, dass sie diese nicht kontaktiert hatten, denn sie hätten keine Nummer (???) der Coastguard auf der Ila de Blanqulilla finden können. Also wusste die Küstenwache weder von uns noch von unserer Misere.




Als wir der Insel näher kamen, funkten wir den lokalen Küstenwache Stützpunkt immer wieder an. Doch es blieb still im Äther. Schließlich umrundeten wir das Kap der Insel und endlich erreichten wir ruhiges Wasser. Da die Wellen die Hauptursache für unsere Befürchtungen bezüglich den Mastes waren, konnten wir endlich durchatmen, auch wenn der Wind noch kräftig bließ. Eine Stunde später lag die Inspiration sicher verankert in der Westbucht der Insel. Manu wurde sofort in den nochmals zusätzlich gesicherten Mast gezogen und tauschte die Want aus. Wir spanten die neue Want entsprechend der Anderen und freuten uns auf Sundowner, Abendessen und Bettruhe.
In aller Frühe des folgenden Tages hoben wir das Grundeisen und setzten uns in Richtung Südosten in Bewegung. Schließlich wollten wir, brav wie wir waren, bei den lokalen Behörden ein- und sofort wieder ausklarieren. Doch die Umstände machten uns hier einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Nicht nur das die Coastguard auch an diesem Tag nicht erreichbar war, sondern Gegenwind und Gegenströmung verhinderten unser Vorhaben. Wir bewegten uns trotz Marschfahrt nur mit 1,5 Knoten auf das Ziel zu, so hätten wir 5 Stunden dorthin gebraucht. Also sind wir ohne Formalitäten von Dannen gezogen, was auch soweit ok war, hatten wir doch keinen Fuss auf venezuelanisches Hoheitsgebiet gesetzt. Obwohl das Rigg wieder vollständig funktionsfähig war, ließen wir es gemütlich angehen, eher sogar sehr vorsichtig, wollten wir doch nun Curacao ohne weitere Zwischenfälle erreichen. Mit kleinen Segeln, ließen wir uns von Wind und einer erfreulich starken Strömung vorwärts treiben.
Auf so einer Reise geht es nicht nur in der Welle auf und ab. Am nächsten Tag versuchten wir unser Glück wieder mit der Angel und es sollte nicht lange dauern, bis das vertraute Surren der Angelschnur zu vernehmen war. Diesmal surrte die Angel nicht, sie schrie förmlich aus: „Da hängt was Wuchtiges dran“, und der nun folgende Drill hatte etwas von einem Wettkampf. Der Fisch rang um seine Freiheit, ging hin und her, zuweilen auf Tiefe. Die Spitze der Angelroute bog sich derart, dass wir fürchten mussten, sie würde jeden Moment in tausend Teile bersten. Doch Alex hat uns Profimaterial überlassen. Die Rute hielt Stand, Umdrehung um Umdrehung, zog den Fisch näher an die Inspiration heran. Noch hatten wir keine Idee um was es sich handeln würde, denn der Fisch hatte sich nur kurz bei einem Sprung aus dem Wasser gezeigt. Während ich den Fisch ermüdete (oder er mich?) wetzte Manuela schon die Filetiermesser. Eine kurze Weile später lag der Fisch an Deck, ein kapitaler Mahi Mahi, der standesgemäß mit prämiertem Tequilla betäubt und anschließend sofort erlöst wurde. Manuela schwang meisterhaft die Klingen, bald waren Innereien und Kopf über Bord und leckeres, frisches Sushi am Teller. Den „Rest“ des Fisches verzehrten wir Abends und die nächsten Tage genüßlich in Form von Filets. Herrlich.



Schließlich konnten wir die ersten Schemen von Curcacao am dunstigen Horizont erkennen. Obwohl wir gute Fahrt machten sollte es dunkel werden, bis wir die Einfahrt nach Wilelmsstad erreichten.
Während wir, unter Maschine, die Südostküste von Curacao entlangtuckerten, vertrieben wir uns die Zeit mit einem ganz besonderen Livestream. Der Eurovisions Song Contest 2025 war in die finale Phase eingetreten und wir waren live dabei. Endlich war die spannende Zeit der Punktevergabe gekommen. Mit jedem Mal wenn Österreich 12 Punkte erhielt, begannen wir zu jubeln, nicht dass das jemand gehört hätte, denn wir waren ziemlich allein hier draußen vor der Küste. Es gab auch kein Trinkspiel, das wäre angesichts der etwas komplizierten Einfahrt in die Marina keine gute Idee gewesen. Als dann am Ende des Publikumvotings klar war, dass Österreich gewonnen hatte, entbrannte frenetischer Jubel an Bord.
Wenige Meilen vor dem Kanal kontaktierten wir „Nassau Port Control“ auf Kanal 12, stellten uns vor und erbaten die Öffnung der Pontonbrücke. Port Control hatte uns auf ihrer „Gästeliste“, sie wurden vorab von der Werft über unser Kommen informiert und so mussten wir nur kurz vor der Brücke verweilen. Mit imposantem Brummen öffnete sich die Pontonbrücke und gab den Weg in den Industriehafen von Curacao frei.
In einer der Verästelungen der Bucht befand sich unsere Werft, die „Curacao Marina Zone“. In der nun zeitbedingt vorherrschenden Finsternis suchten wir uns den Weg in Schleichfahrt, befanden wir uns ja auf gänzlich unbekannten Terrain. Die Befeuerung vor der Marina war sehr dürftig, zumal ein großes Riff den Einfahrtskanal sehr verengte. Dank dem umsichtigen Ausguck von Manuela schafften wir es in die Marina, wo wir schließlich am Samstagabend im Kranbecken festmachten. Einen Sundowner gönnten wir uns noch bevor es endlich den wohlverdienten Schlaf gab.

Wie es uns in Curacao ergangen ist, lest ihr im nächsten Beitrag.
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