Panama – wir kommen? – Bald!

Das liebe Wetter! Sonnige Tage, die Hoffnung auf baldige Abreise keimen ließen, wechselten sich mit Gewitter verhangenen Regentagen . Es wollte sich nicht stabilisieren. Wir studierten die Wetterkarten, sahen uns Wetteranimationen an und diskutierten mit unseren Freunden. Schließlich fiel uns ein kleines „Loch“ zwischen zwei tropischen Wellen auf. Unsere Freunde waren zu Recht skeptisch. Obwohl wir unseren Entschluss gefasst hatten, fragten wir Mike, unseren Meteorologen in Österreich um seine Meinung. Er ließ die Wetterdaten durch seine Computermodelle rattern und meinte schließlich so in etwa: „Naja, geht so, könnte besser sein, aber besser wirds erst im Februar“. Punkt. Damit war die Entscheidung gefallen. Wir machten die Inspiration klar zur Abreise, früh am nächsten Morgen, dem 16, Juni 2025.

Tags darauf lichteten wir um acht Uhr den Anker und tuckerten die Küste hinunter bis zum Steg der Immigration. Die hinteren Positionen waren von bereits heimgekehrten Fischerbooten belegt. Deshalb platzierten wir die Inspiration schön in der Mitte der Pier, was, wie wir nach dem Erledigen der Ausreise feststellten, nicht allerseits Begeisterung auslöste. Vor uns hatte eine weiteres Segelboot unter amerikanischer Flagge festgemacht, doch der Skipper grüßte uns freundlich und bot uns seine Hilfe beim Ablegen an. Das Missfallen kam aus der Richtung eines Fischerbootes, welches erstaunlich starke Schlagseite (Schieflage) hatte und nun nicht festmachen konnte, zumindest nicht dort, wo die Inspiration stand. Waren wir zwar der Sprache der Besatzung nicht mächtig, so verstanden wir doch, die „freundliche“ Aufforderung, uns ehest vom Acker zu machen. Wir hatten alles erledigt, waren ordnungsgemäß ausgereist, hielten die Harpune wieder in Händen und waren ohnehin im Begriff abzulegen. Wenige Minuten später lösten wir die Leinen und verließen die Lagune. Unter wilder Gestik und so manchem, die Bucht überschallenden Ruf verholte sich der schief stehende Fischer zum Pier. Wir hofften für ihn, dass die Schlagseite durch seinen riesigen Fang und nicht durch ein Leck verursacht wurde.

Die Inspiration tuckerte unter Motor aus der Lagune. Sobald wir frei von Riffen im Wasser des karibischen Meeres glitten, holten wir die Wäsche heraus. Obwohl die Strömung deutlich schwächer geworden war, zog sie dennoch in etwa in unsere Richtung. Auch der Wind kam von Achtern (schräg hinten). Wir setzten gerefft das Großsegel und nicht ganz so viel gerefft die Genua. Die Inspiration nahm Fahrt auf, Kurs West/Nord/West, 5 Knoten. Unser Ziel war die Shelter Bay, das durch riesige Wellenbrecher abgedeckte Einfahrtsbecken zum Panamakanal. Am westlichen Ende befand sich die Shelter Bay Marina, der Ort der Begierde, an dem wir uns auf die Kanaldurchfahrt vorbereiten wollten. Die Wind- und vor allem die Wellenvorhersagen hielten uns davon ab, den direkten Kurs anzulegen. Für das offene, karibische Meer waren hohe Wellen, 4- 5m und Winde um die 30 – 40 kn angesagt. Dem wollten wir uns entziehen, indem wir nach Rundung der Halbinsel La Guajira dem Küstenverlauf nach Süden folgen und dann auf der Höhe der kolumbianischen Hafenstadt Cartagena Richtung Westen auf Linton Bay (Marina/Hafen in Panama) zu queren würden. Insgesamt kalkulierten wir eine Strecke von 600 nautische Meilen (1111 km) für die wir 5 bis 6 Tage benötigen würden.

Die Halbinsel La Guajira ist berüchtig in Segelkreisen, vereinen sich hier doch verschiedene Meeres und Wettererscheinungen. Betreffend des Meeres ist dort ein der Biscaya ähnlicher Effekt zu beobachten. Das karibische Meer ist bis ca 20 nautische Meilen vor die Küste 1000m tief. Der Meeresboden hebt sich dann steil an. Das wühlt die See in diesem Bereich mächtig auf und erzeugt kurze, steile und beträchtlich hohe Wellen an der Oberfläche. Andererseits ist die Halbinsel La Guajira eine wüstenähnliche Landschaft, welche aufgrund der starken Sonneneinstrahlung hohe thermische Aktivität aufweist. Das führt mitunter zu starken Winden auf der Westseite der Halbinsel. Der durch die, in dieser Jahreszeit üblichen, tropischen Wellen beeinflusste starke Passatwind mischt auch kräftig in der Wetterküche mit. Die vierte Ingredienz in diesem Wetterkessel bilden die zahlreiche, der Regenzeit geschuldeten Gewitter und deren Folgen (großes Treibgut, welches die Flüsse ins Meer schwemmen, unzählige Gewitterzellen mit hoher Blitzaktivität). Vier Gewinnt könnte man sagen.

Die einschlägige Literatur empfiehlt, die Halbinsel relativ weit nördlich, im tiefen Wasser des karibischen Meeres zu umrunden, um dem küstennahen Effekt zu entgehen. Diese Variante versperrten uns die tropischen Wellen, welche das karibische Meer Offshore zu hohen Wellen auftürmten. Wir waren gezwungen im Nahbereich der Küste zu segeln. Die Fahrt bis nahe an die Halbinsel gestaltete sich sehr ruhig. Gutes Wetter, guter Wind. Mr. Breezzzy hielt die Inspiration Tag und Nacht auf Kurs. Als sich die Sonne am ersten Tag unserer Passage dem Horizont zuneigte, refften wir die Segel für eine angenehme und ruhige Nachtfahrt, gemütlich mit 4 bis 5 Knoten. Wir hatten unseren Wachrhythmus ein wenig verändert. Statt wie bisher 4 Schichten a 3 Stunden machten wir 2 a sechs Stunden. So konnten wir sicherstellen, dass wir beide ausreichend Schlaf bekamen und es bewährte sich. Auch die nächsten Tage sollte noch wonniges Segeln bieten, bis wir zu später Stunden in die nähe der Küste gelangten.

Schon seit einiger Zeit beobachteten wir das Radar mit Argusaugen, waren doch immer wieder Gewitterzellen zu sehen. Diese zogen noch in respektablem Abstand an uns vorbei, doch das ändert sich schlagartig pünktlich nach dem Abendessen. Statt dem wunderschönen Sonnenuntergang des Vorabends sahen wir rund um nur wolkenverhangenen Himmel und in Kursrichtung schwarze Gebilde. Wir bereiteten die Inspiration auf stürmisches Wetter vor. Es sollte gar nicht so stürmisch werden, doch die Nacht war stets hell erleuchtet, denn ein Blitz folgte dem Anderen, von dem andauernden Getöse des Donners ganz zu schweigen. Da die vom Festland heranziehenden Gewitter auch den Wind in seiner Stärke und Richtung gehörig aufmischten und wir dadurch Wind aus wechselnden Richtungen mit unterschieldlicher Stärke hatten, stellten wir auf Motorbetrieb um. Die Segel waren schnell eingeholt. Der Nachteil dies Windtanzes war, dass die Windsteuerung, unser einziger „Autopilot“, nutzlos wurde. Manu und ich wechselten uns am Steuer ab.

Mit dem ersten Strahlen des nächsten Tages kamen wir aus dem Wirkungskreis der Gewitter heraus. Die fortwährende Beobachtung des Wetterradars und das Wissen um das gefährlich Treibgut in Küstennähe, welches wir immer wieder erspäht hatten, veranlasste uns nun doch ein wenige weiter auf die offene See zu fahren. Die Wetterapps bekräftigten unsere Entscheidung und so fuhren wir einige Stunden nach Westen, bevor wir den Kurs nach Südwesten änderten. Anfangs segelten wir schnell dahin, die Wellenhöhe hielt sich in Grenzen. Der frühe Nachmittag zeigte dann, das eine Wetterapp ein Modell der Welt ist und nicht zwangsweise die Realität. Denn entgegen der Prognosen frischte der Wind kräftig auf. Auch die Wellen begannen sich zu türmen und schnell erreichten sie 3,5 m Höhe.

Da wir davon ausgehen mussten, dass sich dies noch verstärken würden, legten wir einen südlicheren Kurs an, wieder zurück an die Küste, Treibgut hin oder her. Mittlerweile waren wir in den Einfluss der Winde auf der Westseite der Halbinsel La Guajira eingedrungen. Die Wellen kamen aus verschiedenen Richtungen, Kreuzsee genannt und es wurde zunehmend ungemütlich. Zumindest der Himmel war großteils blau. Die Gewitter blieben am Festland. Als abermals die Nacht hereinbrach hatten sich die Wellen auf 3,5 bis 4 m stabilisiert. Wir entschieden uns, das Großsegel ganz einzuholen und die Nacht mit einem kleinen Fleckchen Genua zu begehen. Der relative konstante Wind trieb uns gut voran. Nach dem Abendessen, Mr. Breezzzy steuert die Inspiration ganz passabel, übernahm Manuela die Wache und ich warf mich in die Koje.

Da ich wie ein Stein zu schlafen pflegte, hatte Manuela in ihrer mittlerweile sehr ungemütlichen Situation echte Probleme mich zu wecken. Denn während ich im Land der Träume weilte, hatten sich die Bedingungen deutlich verschlechtert. Wind und Welle hatten zugelegt. Vorallem die Wellen ließen die Windsteuerung immer wieder versagen. Manuela musste „manuell“ steuern und konnte daher den Steuerstand nicht verlassen. Irgendwann rissen mich dann ihre Rufe doch aus dem Schlaf. Ich steckte meine Kopf aus der Luke und wurde sofort gewahr, dass keine Zeit für eine gemütliche Aufwachphase war, tanzte die Inspiration doch in den wilden Wellen herum. Manu hatte die Lage gut im Griff, doch schwanden nach stundenlangem Steuern auch ihre Kräfte. Schnell war das Ölzeug angelegt, ein kurzer Blick auf das Radar geworfen und das Cockpit bestiegen. Ich löste Manuela ab, dankenswerterweise hatte Manu schon die Maschine gestartet. Die Genua refften wir vollständig ein und fuhren unter Motor weiter. Der Wind, welcher hauptsächlich von hinten kam, ließ uns gut vorankommen, doch das war jetzt gar nicht so von Bedeutung, denn die Wellen türmten sich weiter auf und unsere ganze Konzentration lag darauf, das Boot sicher und stabil zu halten.

Die größte Gefahr war das Querschlagen. Die Wellen kamen von hinten, doch durch die vermischten Windeinflüsse nicht immer aus der gleichen Richtung. Da es stockdunkel war, konnten wir die Richtung der Welle nicht ausmachen. Gefühlt jede siebte bis achte Welle schlug in Richtung und Höhe aus der Reihe und genau diese Schurken galt es exakt zu manövrieren. Ich aktivierte zwischendurch immer wieder die Windsteuerung, was für einige Minuten Entlastung versprach, Zeit um Etwas zu trinken, oder eine Zigarette zu rauchen. Im Lauf der Zeit begann es zu regnen. Da sich die Schlechtwetterhülle unseres Navigationtablets in der karibischen Sonne in seine Bestandteile aufgelöst hatte, mussten wir improvisieren. Wir packten das Ding in einen Gefrierbeutel, welchen wir zuvor akribisch auf allfällige Leckagen untersucht hatten. So verpackt klemmten wir unser Navigationspad wieder in die dafür vorgesehene Halterung über dem Steuerstand.

Waren die normalen Wellen 4 m hoch, kamen die beschriebenen Einzelkämpfer mit bis zu 5 m daher. Gottseidank war die Wellenlänge mit ca. 7-8 Sekunden relativ groß und somit diese Wellen nicht all zu steil. Dennoch hoben sie uns beträchtlich empor, um uns dann den Wellenhang hinabbrausen zu lassen. Höchstgeschwindigkeiten wurden erreicht und genau in dieser Phase galt es das Schiff stabil mit dem Bug voran zu halten. Nachdem ich schon einige Zeit am Steuer war, unterlief mir ein Konzentrationsfehler. Ich reagierte zu langsam oder nicht optimal auf die eintreffende Welle und die Inspiration vollführte eine, durch die seitlich eintreffende Welle unterstütze Drehung nach rechts quer zur Wellenrichtung. Ich rief Manu, welche mit mir im Cockpit ausharrte „Festhalten“ zu und schon legte sich die Inspiration backbords zur Seite. Die Welle brach auf dem Steuerbordrumpf und gab uns noch einen zusätzlichen Schubs. In dem Moment, in dem sich die Inspiration zur Seite neigte, entschlüpfte das Tablet seiner Regenhülle, flog quer durchs Cockpit und kam im Relingsnetz zu liegen. Wenige Zentimeter höher und es wäre in den karibischen Tiefen versunken. Obwohl es beträchtlich Wasser abbekommen hatte, tat es weiterhin seinen Dienst. Normalerweise würde man es nun sofort trocknen und in Reis einlegen, doch daran war jetzt nicht zu denken.

Dieses „Ereignis“ dauerte nur wenige Sekunden, denn sogleich reagierte ich mit Ruder hart backbord. Die Inspiration richtete sich wieder auf, niemand war verletzt. Natürlich trugen wir mit bei so einem Seegang, nachts überhaupt, unsere Rettungswesten und waren mittels der Lifelines (ähnlich einem Klettergurt) immer fix mit dem Boot verbunden, doch konnte eine solche Achterbahn schnell zu gebrochenen Knochen führen. Manuela begab sich für eine Bestandsaufnahme nach unten. Alles was lose am Navitisch, im Spülbecken oder sonst wo herumlag, verteilte sich teils heil, teils zu Bruch gegangen, am Salonboden. Der Querschlag hatte bis auf eine gebrochene Kaffeetasse und einem gehörigen Schrecken in unseren Gliedern keine Schäden hinterlassen. Während Manu unter Deck kontrollierte, suchte meine Lampe Deck und Rigg ab. Alles schien heil und dort zu sein, wo es hingehörte.

Das Adrenalin hatte jede Müdigkeit hinweggefegt. Bis in die frühen Morgenstunden steuerten wir die Inspiration durch die Wellenberge, ohne nochmals in eine derartige Situation zu geraten. Mittlerweile konnten wir die Lichter der kolumbianischen Küste wieder sehen. Es schien als würden die hohen Wellen abnehmen und auch von der Richtung einheitlicher werden. Schließlich beruhigte sich das Meer auf 3 m Wellen und diese Einzelkämpfer wurden immer seltener. Mr. Breezzzy übernahm das Ruder, gleichwohl traute ich dem „3 Meter Frieden“ noch nicht ganz und verblieb, bereit zum Eingreifen, hinter dem Steuer. Der Regen hatte aufgehört und tatsächlich sollte sich das Meer weiter entspannen. Wir taten es dem Meer gleich. Immer noch hinten am Steuerstand sitzend öffnete ich meine Ölzeugjacke und zündete mir eine „Erleichterungszigarette“ an. Es war vorbei, wir waren durch! Diesen Gedanken hatten ich noch nicht zu Ende gedacht, als es just in diesem Moment hinter mir zu gurgeln begann, ein Geräusch, dass mir nur allzu bekannt war. Ich brauchte mich gar nicht umzudrehen, denn ich wusste, was in der nächsten Sekunde passieren würde. Hinter mir türmte sich eine 4 Meter Welle, um im nächsten Moment am Heck der Inspiration zu brechen. Keine Gefahr für das Boot, doch ich befand mich sogleich mitten im Wasserfall. Ob der offenen Ölzeugjacke schoss das angenehm warme Meerwasser oben hinein, tränkte auf seinem Weg nach unten alles was ich am Körper trug und sprudelte aus den Hosenbeinen munter ins Cockpit. Der letzte Gruß dieser umtriebigen Nacht.

Manu, bot mir mit einem Kichern trockene Sachen an, doch ich verweigerte. Denn ich war mir sicher, würde ich in frischen Kleidern im Cockpit erscheinen, wäre auch der Ozean sofort zur Stelle. So saß ich wie ein begossener Pudel hinter dem Steuer und nahm mit Freuden wahr, dass die Nacht langsam schwand und es heller wurde am Firmament. Ich entließ die immer noch kichernde Manuela in den wohlverdienten Schlaf. Mr. Breezzy hatte übernommen und ich legte mich schließlich doch trocken. Den Rest des anbrechenden Morgens sollte die Windsteuerung störungsfrei arbeiten und meine Wache auf gelegentliches Kontrollieren des Kurses beschränken.

Nachdem Manu einige Stunden später erwacht war und ein tolles Seglerfrühstück auf den Tisch zauberte, bettete ich mich für 2 Stunden zur Ruhe. Das Meer war wie ausgewechselt. Kleine Wellen plätscherten sanft gegen den Rumpf, die Sonne schien hell und warm vom blitzblauen Himmel. Delfine gesellten sich zu uns und begleiteten uns eine ganze Weile. Wahrlich die Ruhe nach dem Sturm.

Schließlich briste der Wind ein klein wenig auf, gerade genug fürs Segeln. Wir setzten volle Segel, eine seltene Begebenheit, denn das letzte Mal hatten wir im Mittelmeer die Segel ungerefft draussen. Genauso wie wir jubilierte auch unsere Inspiration. Sie legte sich auf den Backbordbug um schnurrend Fahrt aufzunehmen. Bei 6-10 Knoten Wind glitten wir mit 4-5 Knoten dahin. Genau das, was wir nach dieser abenteuerlichen Nacht brauchten. Mittlerweile näherten wir uns dem Punkt querab von Cartagena, an dem wir Kurs direkt nach Linton Bay/Panama anlegen wollten und hielten den Bug der Inspiration schon ganz leicht in diese Richtung.

Apropos Seglerfrühstück: Auf Aruba haben wir uns gemeinsam mit Verena von der „Waves“ auf die Suche nach einem Autoteileladen begeben, welcher zumindest in Google Maps noch existiert hatte. Wir konnten diesen schließlich in einem Gewerbegebiet ausfindig machen und die begehrten Zündkerzen für unseren malträtierten Aussenborder erstehen. Auf dem Rückweg kamen wir an einem indischen Lebensmittelgeschäft vorbei, welches wir natürlich sofort in Augenschein nehmen mussten. Exotische Lebensmittel wohin man blickte. Verena schien schon ihre Erfahrungen mit „exotischen“ Lebensmitteln gemacht zu haben und übte sich daher in nobler Zurückhaltung. Andererseits wollte sie uns dieser „Erfahrung“ nicht berauben, weshalb sie unseren Einkauf mit keinem Wort kommentierte. Ob sie innerlich schmunzelte, vermag ich nicht zu sagen.

Der indische, exotische Verdünnungsaft, dessen Verpackung hoffen ließ, es würde sich um göttlichen Nektar handeln, war zumindest aus meiner Sicht nicht zu trinken. Nur wenn man das Verdünnungverhältnis homöopatisch ansetzte, kam ein für mich einigermaßen erträgliches Gesöff heraus. Das, was wir für Backerbsen gehalten hatten, entpuppte sich als ziemlich feurige Suppeneinlage und wurde schnell zu einem erdnussähnlichen Snack für Zwischendurch umgewandelt. Für die nächste Zeit waren wir von indischen Spezialitäten geheilt.

Manu stellte fest, dass aus irgendeinem unerfindlichen Grund ihre Nachtwache jene war, in der sich immer die Umstände verschlechterten. Anscheinend stand sie auf Kriegsfuss mit dem zweifellos an Bord befindlichen Klabautermann, der, immer wenn sie unter Deck wollte, um was auch immer zu tun, begann, an der Windsteuerung herumzuspielen oder sonstigen Unfug zu treiben. Übernahm ich die Wache funtkionierte für gewöhnlich die Windsteuerung sofort wieder, sodass ich gemütlich liegend die Wache begehen konnte. Woran mag das wohl gelegen haben ?

Doch auch mir spielte eben jener Klabautermann Streiche und sei es nur, dass er mir immer wieder meine Sachen versteckte. War das noch in gewisser Weise witzig, hörte sich der Spaß beim Rigg, in dem der Klabautermann seit Wochen Quartier bezogen hatte auf. Schaden um Schaden kam zum Vorschein.

Wie die Inspiration so genüßlich durch die glatte See zog, drängte mich ein Gefühl zu einem Deckswalk (regelmäßiger Check ). Ich schlüpfte unter der Bimini hervor und und überprüfte die Terminals der Wanten an Deck. Alles in Ordnung. Der nächste Blick glitt dem Mast entlang nach oben, eigentlich nur eine Kontrolle, da oben hatte es schließlich noch nie ein Problem gegeben. Doch was stach mir da sofort ins Auge? Die Zwischenwant an Steuerbord hatte sich aufgedröselt und mehrere Drähte standen wie Palmwedel vom Terminal am Mast weg. Die Zwischenwanten sollten einen seitlichen Bauch im Mast verhindern, das tat auch diese Want noch, doch war nicht abzusehen, wie lange sie noch halten würde. Also hieß es wiedereinmal alle Segel bergen, Motor starten und eine Strategie ausarbeiten. Da der Wind schwach und die Wellen kaum vorhanden waren, bastelte ich aus einem Rehlingsdrahtseil und ein paar Seilklemmen eine Notlösung, welche Manu am Bootsmannsstuhl hängend fabelhaft montierte. Zwar konnten wir die Spannung der original Want nicht erreichen, doch würde dieses Provisorium zumindest halten, falls die beschädigte Want gänzlich brechen würde.

Die Besprechung mit unseren Riggern von Aruba ließ nicht gerade Begeisterung aufkommen. Die potientelle Gefahr eines Mastbruches durch eine Überbelastung im Segelbetrieb stand genau so im Raum, wie die Empfehlung zu motoren. Es gab noch einige Tipps, wie wir trotzdem weiter segeln könnten, doch jeder dieser Vorschläge war von Zähneknirschen seitens der Rigger begleitet. Wir wollten die ganze Strecke unter Segeln zurücklegen und so hatten wir aufs Volltanken verzichtet. Das sollte sich nun rächen, war wir doch noch ein ganzes Stück weit von Linton Bay, geschweige den von der Shelter Bay entfernt. Der Tank war ein wenig mehr als halb voll, an Deck standen noch 2 Kanister mit je 25 Liter Diesel, also insgesamt so circa ein voller Tank. Schnell überschlagen ergab sich, dass die Linton Bay in einer Entfernung von ca. 160 Seemeilen, bei diesen Strömungsverhältnissen nicht sicher erreicht werden konnte. Die Tatsache, dass wir nicht einfach irgendwo in Panama ankommen durften, sondern ein Einreisehafen angesteuert werden musste, verkomplizierte die Lage zusätzlich. Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon in intensivem Kontakt mit unserem Panama Kanal Agenten Erick Galvez, der uns Obaldia empfahl, wobei er nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob wir dort Diesel bekommen würden, doch zumindest konnten wir offiziell und rechtmässig in Panama einreisen.

Nach einer kurzen, gegenseitigen Abwägung der Optionen war die Entscheidung getroffen. Wir setzten Kurs süd, Ziel Obaldia, Schleichfahrt, denn wir wollten Diesel sparen. Mit gut 4 Knoten schob sich die Inspiration gen Süden, 60 Seemeilen war das Ziel entfernt. Wir sollten laut Planung Obaldia in den Morgenstunden des nächsten Tages erreichen. Obaldia war der erste Einreisehafen, wenn man von Kolumbien kommend in Richtung Panama segelte. Die zweite Bucht hinter der Grenze. Der Kurs war gesetzt und mit ein wenig Wind konnte auch die Windsteuerung an diesem noch sehr schönen Nachmittag Verwendung finden. Manuela, mittlerweile zum Wetterobservator Nummer 1 avanciert, blickte mit sorgenvoller Miene auf die Wetterkarten. Das Wetterradarbild ließ nichts Gutes für die Nacht erahnen. Großflächige Gewitter bildeten sich am schmalen Landstreifen Panamas. Wir hofften, die Gewitter würden dem Festland treu verhaftet bleiben doch es kam natürlich anders.

Die erste Wache übernahm abermals Manuela. Als ich mich nach unten begab, war alles in Ordnung, doch der Klabautermann war schon erwacht und erspähte Manuela am Steuer. Mitten in der Nacht weckte mich Manuela. Die Gewitter gaben sich mit uns ein Stelldichein. Viele dieser Zellen manövrierte Manuela vorzüglich aus, doch nun schien es keine Ausweg mehr zu geben. Wir verschafften uns mittels Radar ein Überblick über die Lage und legten einen westlicheren Kurs an. Es schien als würden wir der Front so vorerst entgehen. Während ich das Steuer übernahm, wurde Manuela zum Navigationsoffizier und informierte mich laufend über neu Entwicklungen am Radar, sowie über die Position der Frachtschiffe, welche mit uns in dieser Wetterküche gefangen waren. Die Taktik schien vorerst aufzugehen, doch ca. eine halbe Stunde später mussten wir erkennen, dass uns ein weiteres Gewitter den Weg nach Westen versperrte. In der nächsten Stunde sollten wir mehrmals den Kurs in alle erdenklichen Richtungen des Kompasses ändern, denn erschien am Radar eine Lücke in den Gewitterreihen, steuerten wir dies sofort an, Doch bevor wir durchschlüpfen konnten, schloss sich diese wieder und dort wo bisher dunkle Nacht gewesen war erleuchteten Blitze das Firmament. Manuela scherzte, dass die Mannschaften der Frachtschiffe unser Tun mit Begeisterung verfolgen und Wetten auf unsere nächste Kursänderung abschließen würden. Diese Pötte hatten es sich westlich von uns gemütlich gemacht. Sie liefen mit ganz kleiner Fahrt nach Osten und wir stellten uns vor, wie sie das Wetterleuchten aus ihren rundum trockenen Steuerhäusern bei Bier und Häppchen genossen.

Ganz anders verhielt es sich bei uns an Bord. Der einsetzende Regen machte die Situation nicht besser. Fast sekündlich leuchtete der Horizont unter Blitzen auf, begleitet von ohrenbetäubendem Donnergrollen. Auch wenn wir wussten, dass es keine vermehrte Häufigkeit von Blitzeinschlägen in Yachten gab, trug die hoch aufragende Metallstange in unserer Bootsmitte nicht gerade zu unserer Beruhigung bei. Während uns die Gewitter immer mehr in ihrer Mitte einschlossen, sah ich mir das Radarbild nochmals ganz genau an. Die Ringe am Radarschirm zeigten mir, dass die Front hier an unserer Position gerade einmal 2 Seemeilen Durchmesser hatte. Ich fasste mir ein Herz, brachte den Motor auf Marschfahrt und hielt mit Kurs Süd genau auf die Front zu. Manuela, die unseren Kurs auf dem Radar überwachte, drehte sich zu mir um und sagte : „Du fährst mitten hinein !!!!“ worauf ich mit einem möglichst selbstsicheren „Jaaaaaa“ antwortete. Ich erklärte kurz, dass eine Umfahrung des Gewitters ausgeschlossen war. Also mussten wir die Zähne zusammenbeißen und darauf zu halten. Wenige Augenblicke später setzte ein Regen ein, wie wir ihn erst wieder in der Schelter Bay Marina erleben sollten. Unglaubliche Wassermassen stürzten auf unser herab, begleitet vom Wetterleuchten und den sich intensivierendem Donnergrollen. Manu verbarg sich unter der Sprayhood, ich kauerte neben dem Steuerstand, um zumindest vom seitlich durch den Wind herangetragenen Regen verschont zu bleiben. Es war wirklich heftig, denn rund um uns schlugen die Blitze in die See ein, doch schien unser Schutzengel auf Zack zu sein und breitete seine schützende Hand über uns. In einem Umkreis von 50 Meter war nicht ein Blitzschlag obwohl wir uns mitten in der Gewitterzelle befanden. Der Regen legte an Intensität noch zu. Wenn ich den Mund öffnete, konnte ich trinken, unbeschreiblich. Unbeirrbar hielten wir Kurs. Die Maschine schob uns brummende Meter für Meter weiter nach Süden und schließlich sollte der Regen von einem Augenblick auf den Anderen stoppen. Wir hatten das Gewitter durchquert und wurden auf dessen südlicher Rückseite förmlich ausgespuckt. Wenige Minuten später waren die Sterne wieder sichtbar, kein Wind, kein Regen nur glatte See voraus. Wir fielen uns in die Arme, es war überstanden. In trockene Sachen gehüllt konnten wir nun im Cockpit sitzend dieses Wetterspektakel in unserem Kielwasser genießen, wunderschön, wenn man nicht gerade mitten drin ist.

Die Wetterkapriolen dieser Nacht hatten uns erheblich Zeit gekostet und so sollten wir Obaldia in der Mittagszeit des nächsten Tages erreichen. Die weitere Fahrt gestaltete sich relativ ereignislos, obwohl sich abermals Gewitter am Festland formierten. Schließlich kam in der Mittagsonne das ersehnte Panama in Sicht und wenig später fiel unser Anker in der Bucht von Obaldia.

Was wir hier erlebten und wie die Reise weiter ging lest ihr im nächsten Artikel!

Liebe Grüße! Gerhard und Manuela

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