Auf dem Weg nach Sizilien Teil 2

Nach der Durchfahrt der Straße von Otranto erreichen wir das ionische Meer. Es ist ein besonderer Moment, denn die Inspiration hat bisher nur das adriatische Meer an ihrem Rumpf verspürt. Doch die Inspiration hat Lust auf Abenteuer. Ob unter Maschine oder mit geblähten Segeln gleitet sie durchs Meer, den Bug immer gen Horizont.

Als wir den Golf von Taranto erreichen, haben wir schon 180 nM zurückgelegt. „nM“ steht für nautische Meilen, das ist eine Strecke, die in der Seefahrt eben so angegeben wird. 1 nM entspricht 1,852 Km. Die Geschwindigkeit wird auf einem Schiff nicht in Km/h gerechnet sondern in Knoten (kt), wobei sich an den Berechnungsformeln (s=v*t) nichts ändert. 1 Knoten bedeutet also, dass wir in einer Stunde eine Strecke von einer Seemeile (1,85 Km ) zurücklegen. Der Zusatz „See-“ oder „nautische“ Meile soll der Unterscheidung zur Landmeile dienen, die mit dem Faktor 1,5 gerechnet wird.

Da die Erde ja annähernd rund ist, kann man sie , wie jeden Kreis oder jede Kugel in 360° unterteilen. Wenn wir das am Äquator machen, dann hat unser Kreis einen Umfang von 40.075 Km. Geteilt durch 360° ergibt das 111,319 km pro Grad. Ein Grad hat nun 60 Minuten (Bogenminuten, wenn man es ganz genau nimmt, also keine Zeit, sondern eine Längenangabe)Teilt man die 111, 319 km durch 60 Minuten, dann ergibt das 1,85 km pro Bogenminute, was wiederum die Distanz einer Seemeile ist.

Diese Rechnerei in Graden und Bogenminuten hat auch mit den Positionsangaben auf einer Seekarte zu tun. Eine Position besteht aus einem Koordinaten – Paar, das immer in Graden/Minuten/Sekunden angegeben wird. Das kann so aussehen:

N 39 ° 17′ 22,5″ // O17° 22`04,0″

Ausgesprochen lautet das folgendermaßen: Nord 39 Grad, 17 Minuten, 22,5 Sekunden und Ost 017 Grad, 22 Minuten und 4,0 Sekunden“. Das habe ich jetzt zufällig so ausgewählt, aber ihr könnt ja mal eine Karte schnappen und herausfinden, wo das liegt. Schreibt uns in die Kommentare, was dabei rauskommt, wir sind schon gespannt.

So genug der Schulmeisterei. Ich muss mich entschuldigen, ich bin im Beruf und in meiner Freizeit immer in der Ausbildung tätig gewesen (Fahrlehrer, Fluglehrer, Segellehrer) and kann es manchmal halt nicht lassen.

Als wir in den Golf von Taranto, das ist die große Bucht im Süden von Italien, einfahren, haben wir perfekten Wind. Wir können die Segel hissen, wie ihr am vierten Foto oben seht. Ausser bei schwachen Wind ist unser Großsegel (das hinter dem Mast) immer ein wenig eingerefft, da sonst die Schräglage des Bootes unangenehm groß wird. Das sieht zwar für Andere toll aus, wenn man mit extremer Schräglage unter vollen Segeln durchs Wasser schneidet, aber aero- und hydrodynamisch ist das wirklich nicht das Gelbe vom Ei. Es kann auch gefährlich werden, denn das Ruder (das ist dass Steuerblatt unter dem Boot, mit dem wir die Fahrtrichtung beeinflussen) liegt dann nicht mehr senkrecht im Wasser sondern schräg. Dadurch hat es weniger Wirkung und durch diese Schräglage wird ein Strömungsabriss am Ruder wahrscheinlicher, bei dem das Boot kurzzeitig ausser Kontrolle ist. Man nennt das dann auch einen Sonnenschuss.

Mist, schon wieder doziere ich hier herum, ich bin halt schon ein Klugschei… . Apropos: Wenn ihr Fragen habt zu Themen unserer Reise oder technischer sowie theoretischer Natur, dann schreibt uns eine Nachricht oder eine Kommentar. Wir freuen uns darüber und antworten gerne.

Am Morgen des dritten Tages, als Manu zu mir ins Cockpit kommt, stelle ich fest, dass es bei mir Zeit wird für eine Dusche. Doch die nächste Dusche ist 120 Seemeilen weit weg also was tun. Vor einigen Tagen habe ich schon mal ein Waschung mit dem Lappen probiert, war aber nicht so toll. Übrigens, dass ich das vor einigen Tagen probiert habe soll nicht heißen, dass ich mich nur einmal in der Woche wasche!!!!! Wenn es also kein Lappen sein soll, so bleibt nur der Weg zur Aussendusche.

Diese Aussendusche am Heck ist dafür gedacht, dass man nach dem Schwimmen eine Möglichkeit hat, das Salz herunter zu spülen. Da man ja nicht im Winter Baden geht, sondern bei höheren Temperaturen, ist diese Dusche auch nur von kaltem Wasser gespeist, ihr wisst worauf das jetzt hinausläuft: Ja genau auf eine kalte Dusche.

In dieser Angelegenheit wird der raue Seebär, der selbsternannte Abenteuer zum Weichei, denn kalte Duschen sind für mich das Letzte oder ziemlich nahe daran. Hannes, ein guter Freund von uns, hat mir im Rahmen seiner Geburtsfeier erzählt, dass er jeden Morgen kalt duschen würde und wie sehr ihn dass anregt und für den Tag motiviert. Ich finde dass wirklich toll, muss für mich aber sagen, wenn am Morgen die Dusche kalt ist, dann wir das mit der Motivation schwierig bei mir.

Aber das Abenteuer verlangt auch Opfer und so habe ich es gewagt Seht, wie es mir dabei ergangen ist:

In der Nacht zuvor hat sich übrigens Seltsames ereignet. Als ich in meiner Nachtwache im Cockpit sitze und der Windsteuerung mit Begeisterung bei der Arbeit zu sehe, bekomme ich plötzlich einen Schlag von hinten gegen meinen Kopf, wobei mein Hinterkopf zur Steuerbordseite (rechts) gerichtet war. Dass es keine Piraten waren, habe ich sofort erkannt, denn die sind in diesen Gefilden eher selten. Mit der Taschenlampe leuchte ich nach oben ins Rigg , um herauszufinden, ob irgend ein Seil oder eine Leine gerissen und mir gegen den Kopf geschlagen ist. Während ich so nach oben leuchte, höre ich ein kratzendes Geräusch neben mir im Cockpit und wenige Sekunden später ist das Rätsel gelöst:

Ein fliegender Fisch wollte mich entweder kennenlernen oder fressen. Nachdem wir uns bekannt gemacht hatten, habe ich ihn natürlich wieder den Fluten übergeben. Scheinbar ist mein Kopf beliebt in der Tierwelt. Wenn schon ein Vogelschiss laut Mama Glück bringen soll, was verheißt dann wohl ein fliegender Fisch?

Während der Überquerung des Golf von Taranto neigt sich der Tag schön langsam seinem Ende zu. Bevor die Sonne am Horizont in den Dunst eintaucht, gibt es nochmal eine leckere Bordjause, um Energie für die Nacht zu tanken. Die Nacht verspricht anstrengend zu werden, denn der Wind ist mittlerweile verschwunden und die Wetterdaten zeigen auch keine Besserung. Das bedeutet, die Windsteuerung kann nicht arbeiten. Selbst steuern ist angesagt.

Nach dem Essen fahre ich noch in den Sonnenuntergang. Manu übernimmt um 19:00 ihre Wache und ich begebe mich zur Ruhe. Um Mitternacht läutet mein Wecker, meine Schicht fängt um 01:00 Uhr an. Ausgestattet mit Rettungsweste und Lifeline geht es zur Ablöse ins Cockpit. Immer wenn wir Nachts alleine im Cockpit der Wache nachgehen, sind wir mit unseren Lifelines. (so ähnlich wie die Gurte, die man auf Klettersteigen verwendet) in die Strecktaue (das sind Bänder an Deck die fix mit dem Schiff verbunden sind) eingehakt, um nicht bei Seegang über Bord zu fallen.

Am Steuer stehend fahre ich nun schon seit einigen Stunden im vom Mondlicht erhellten Meer dahin. Lichter am Horizont weisen auf regen Schiffsverkehr hin. Die Straße von Messina zwischen Sizilien und Italien ist nicht mehr weit weg, ebenfalls wieder eine stark befahrene Route für Schiffe von und nach Genua.

Das Radarbild (ganz rechts) zeigt an meiner Backbordseite (links) einige Echos, Schiffe die ich bald identifiziert habe. Die wichtigsten beiden sind ein Kreuzfahrtschiff und ein Öltanker. Der Kreuzfahrer ist links vorne und quert unseren Weg, aber so weit entfernt, dass er keine Gefahr darstellt. Der Öltanker ist eine längere Zeit schon neben mir und ich habe ihn im Auge. In dieser Einstellung des Radars hat jeder Ring einen Abstand von 2 nM, also in meiner unmittelbaren Nähe ist kein Verkehr, was beruhigend ist.

Links im Bild ist unser Kurs sichtbar, rechts im Bild der Kompass, allerdings nur symbolisch, das Bild habe ich tagsüber gemacht. Bei Tag ist es einfach, den Kurs zu halten, denn meist gibt es am Horizont irgendwas, an dem man sich orientieren kann. Nachts ist vor einem nur die Schwärze. Daher sieht man ständig auf den beleuchteten Kompass um auf Kurs zu bleiben. Wenn das Boot aus dem Kurs läuft, stellt sich die Frage, in welche Richtung man das Steuer jetzt drehen muss, und das kann durchaus verwirrend sein und führt auch manchmal zu Steuerfehlern. Denn der Kompass dreht sich nicht, sondern daß Schiff dreht sich um den Kompass. Der Kompass zeigt immer nach Norden, nur am Schiff sieht es aus als würde sich der Kompass drehen.

Was auch immer die Ursache wahr, ob Kompass oder mangelnde Konzentration, mein Kurs in dieser Nacht war, sagen wir mal ausbaufähig. Immer wieder musste ich auch größerer Korrekturen vornehmen und so sah unser Track aus wie ein Slalom Kurs.

So fahre ich also durch die Nacht, den Verkehr am Radar gut im Blick und meine alles unter Kontrolle zu haben, als plötzlich auf meiner Backbordseite ein großes helles Weißes Licht erscheint. Mein erster Gedanke: Der Öltanker kommt auf mich zu und muss schon ziemlich nahe sein, denn das Licht ist wirklich sehr hell. Zur Erklärung: Schiff unter Motor führen vorne ein weißes Licht, das sogenannte Dampferlicht. In Zusammenhang mit der übrigen Beleuchtung kann man nachts erkennen, um was für ein Schiff es sich handelt (Vorrangregeln) und wo es hinfährt. Weißes Licht (und rot/grün) bedeutet, das Schiff kommt auf uns zu.

Ein schneller Blick auf das Radar läßt mich erkennen, dass es nicht der Tanker sein kein, denn der ist genau dort, wo er vor 2 Minuten auch noch war, mit einem Abstand von 3 nM. Was auch immer es ist, es kommt schnell auf mich zu und ich ändere sofort meine Kurs, als das Licht hin und her zu schwenken beginnt. Das ist gar kein Dampferlicht, sondern ein Suchscheinwerfer!!! Aber wer? und warum kommt das Objekt so schnell auf uns zu ? Einige Momente später erkenne ich schon den Rumpf des andern Bootes und sehe dort im vorderen Drittel einen dicken schrägen Streifen und dann daneben noch einen dünneren. Jetzt ist mir alles klar und ich drossle unser Tempo und grüße freundlich. Es ist ein Boot der Guarda civil/Guarda Finanza/Küstenwache. Sofort nach meiner Begrüßung machen sie eine 180° Drehung und brausen wieder davon.

Was genau das jetzt war kann ich nicht sagen. Ich vermute, dass die Küstenwache den eigenartigen Verlauf unseres Fahrweges mitverfolgt hat und einfach nachsehen wollte, ob bei uns alles in Ordnung ist. Jedenfalls hab sie mir einen gehörigen Schrecken eingejagt. Warum sie sich nicht über Funk gemeldet haben ? Haben sie wahrscheinlich, jedoch hatte ich das Hauptfunkgerät ausgeschaltet und nur das Handfunkgerät im Cockpit an. Es stellte sich heraus , dass bei diesem der Akku leer war und wir somit nicht erreichbar. Der Rest der Nacht verlief ruhig und in den Morgenstunden, nachdem Manuele schon mit frisch gebrühtem Kaffee zu mir in Cockpit gekommen ist, war er dann endlich zu sehen, der Ätna. Sizilien wir kommen!

Aufgrund der Angaben im Navigationsprogramm ändern wir kurz vor Catania den Kurs und steuern Riposto Porto Etna an, da Catania keine Tankstelle hat und unser Treibstoffvorrat schön langsam zur Neige geht. 3 Stunden später haben wir festgemacht und freuen uns auf den ersten Sundowner nach 4 Tagen Fahrt und 420 nM Strecke. Ein kurzer Besuch der nahe gelegenen Stadt und ein schnelles Abendessen stehen noch auf dem Programm, bevor wir erledigt in die Kojen fallen.

Für uns war dies die erste längere Überfahrt. Es war anstrengend, aber auch sehr schön, denn wir haben viel erlebt und auch so manchen Delphin gesehen. Wir freuen uns jetzt auf ein paar Tage auf Sizilien, das Wetter verschlechtert sich gerade und wir wettern es in der Marina ab, bevor es am Dienstag, also in 5 Tagen durch die Straße von Messina weitergeht.

Liebe Grüße!

Gerhard und Manuela

2 Kommentare

  1. Gut gemacht Ihr beiden! Dann genießt den Marinaaufenthalt. Windy zeigt, dass Ihr jetzt da draußen nichts zu suchen habt 😉

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    • Danke lieber Christoph!
      Das Wetter ist wirklich nichts für seglerische Unternehmungen. Wir werden am Dienstag wieder raus fahren und uns durch die Strasse nach Messina zum Stromboli begeben.
      Lg
      Gerhard

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