Im Passatwind

Gerade sitze ich in unserem Schlafgemach, der Vorschiffskabine. Der Ort, der uns seit numehr 9 Tagen nicht mehr beide gleichzeitig gesehen hat, denn wir wechseln uns bei den Nachtwachen immer ab. Draußen rauscht der Atlantik. Auf unserem Weg nach Süden haben wir die Passatwinde, jene Winde die uns in einigen Tagen gen Karibik blasen werden, erreicht. Konstant, was Stärke und Richtung betrifft, schieben sie uns Meile um Meile näher an die Kapverden heran. Morgen am frühen Nachmittag sollten wir Mindelo erreichen.

Die eifrigen Mitleser werden sich vielleicht wundern, denn unser erklärtes Ziel war doch Martinique!? Keine Sorge, das ist es auch nach wir vor. Aber der Reihe nach.

Wie ihr wißt waren wir am Heiligen Abend bereits unterwegs. Nichtsdestotrotz haben wir Weihnachten gefeiert. Ein solcher Festtag bedurfte natürlich eines angemessenen Festmahles. Die Vorfreude darauf war riesig, denn schon den ganzen Nachmittag hing ein betörender Bratenduft im Salon. So kam der Schweinsbraten mit den schon vermissten Knödeln auf unsere Festtagsteller. Sensationell! Bevor es zu unserer Bescherung ging, telefonierten wir noch mit Zuhause. Alles stand bereit, der Baum war aufgeputzt, die Geschenke darunter drapiert und Youtube spielte die ersten Takte „Stille Nacht, Heilige Nacht“ an. Überaus textsicher stimmten wir ein und sangen alle drei Strophen (für den höchst unwahrscheinlichen Fall einer Wissenslücke den Text betreffend hatte ich vorsorglich deine Karaokeversion ausgewählt). Eigentlich war es wie Zuhause, mit einem wesentlich Unterschied: Manu und ich ertappten uns gegenseitig, wie wir während unseres engelsgleichen Gesanges immer wieder verstohlen auf den Radarbildschirm guckten, denn wir waren nicht allein hier draußen. Wiederholt wurde über den UKW Funk „Feliz Navidad“ in den Äther hinaus gesendet. Was für eine romantische Vorstellung.

Das Wetter auf dem ersten Leg der Atlantiküberquerung von den kanarischen Inseln in die Passatwindzone veranlasste uns bei guten Winden zuerst nach Südwesten und dann doch wieder nach Südosten Richtung Afrika zu segeln, denn es stand uns eine mittelgroße Flaute im Weg. Wir konnten diese ganz gut umschiffen und hatten eigentlich nur eineinhalb Tage, an denen wir wirklich keinen Wind war. Zu unserem Leidwesen sind wir aber nicht an Ort und Stelle geblieben. Ein Strömung hat uns über Nacht wieder 2,5 Seemeilen in die Richtung getrieben, aus der wir gekommen waren. Unangenehmer war jedoch, dass am ersten Abend der Flaut, zwar der Wind gänzlich einschlief, die Welle es ihm jedoch nicht gleich tat. Das Schiff schaukelte wild hin und her, Töpfe, Teller und Pfannen klapperten und das Deck knarzte wie noch nie vernommen. An Schlaf war da nicht zu denken. Die Nachtwachen behielten wir bei, denn nicht unweit von uns trieb ein Tanker vor sich hin. Mit ihm sollte ich am nächsten Abend noch Funkkontakt haben, denn wir wahren ein wenig auf Kollisionskurs (keine Angst, mehrere Meilen Abstand waren noch dazwischen) und ich wollte ihm mitteilen, dass wir aufgrund ausgebaumter Genua in unserer Manövrierbarkeit eingeschränkt waren. Der Kapitän oder wer auf dem Tanker auch immer Wache hatte, nahm dies zur Kenntnis und meinte nur, er treibe einfach herum. Somit taten wir, was in unseren Macht stand und vergrößerten den Abstand zu diesem 270m langen Treibgut.

Bis zum nächsten Morgen hatte sich auch die See beruhigt. Wir stand ganz platt im Wasser, kaum Bewegung war im Schiff. Die Sonne strahlte vom Firmament, keine Wolke war zu sehen. Wir genossen diesen Tag in der Flaute, denn auf so ein Wetter hatten wir schon lange gehofft. Endlich konnten wir in der Sonne baden, wie man es auf der sogenannten Barfussroute auch vermuten würde.

Da es ein so herrlicher Tag war, kam in mir der Gedanke auf, ich könnte doch vielleicht kurz ins Wasser hüpfen. Das wäre was für die Bucketlist (wenn ich eine hätte), Offshore schwimmen im Ozean. Während ich so dahin sinnierte, meldet sich Alex, ein guter Freund und Schulkamerad mit dem Vorschlag, er würde Fischen. Natürlich! Wozu sonst haben wir das Zeug an Bord. Ich bewaffnete mich mit unserer eher rudimentärer Angelausrüstung, einer Rolle mit 100m Leine sowie 5 verschiedenen Tintenfischködern und ging zum Heck um den Köder zu Wasser zu lassen. Zuvor hatte Manu Makrelen entdeckt, welche vorzüglich in unsere Pfanne gepasst hätten. Als ich am Heck angekommen die Leine mit dem Köder zu schwingen beginne, sehe ich nach unten und erstarre kurz. Ein sogenannter Longimanus, ein Weißspitzenhochseehai kommt unter dem Boot hervor, gerade so, als wolle er sich umsehen, was sich hier so tut. Den Hai begleiteten die für diese Art so typischen Pilotfische. Leider hat man in solchen Momenten meist keine Kamera dabei, doch Manuela konnte ihn zumindest filmen, wie er wenige Meter hinter dem Boot sein Kreise dicht unter der Wasseroberfläche zog, die Rückenflosse aus dem Wasser ragen lassend. Da in meinem inneren Ohr eine gewisse Titelmelodie erklang, ließ ich die Idee vom fröhlichen Badespaß im atlantischen Ozean fallen. Heute würde auch kein Fisch auf die Teller kommen.

Gegen Abend erhob sich unmerklich eine leichte Brise, was uns veranlaßte sofort die Segel zu setzten. wenig später waren war schon mit 5-6 kn unterwegs und hatten dadurch die Abdrift bald aufgeholt. Bezüglich der Abdrift möchte ich mich noch bei unseren aufmerksamen Beobachtern zuhause bedanken, denn es kam sogleich die Frage über die Kommunikationskanäle, ob bei uns alles in Ordnung sei. Super!

Unser Weg zur Vermeidung der Flaute hat uns nach Südosten geführt. Somit lagen die Kapverden jetzt direkt auf unserer Kurslinie und boten sich für einen kurzen Zwischenstopp zum Nachbunkern von Brauchwasser, Lebensmitteln und Gas an. Daher nahmen wir Kurs auf Mindelo.

Wir baumten die Genua aus, gingen auf Kurs Südwest und sollten bis heute die Segelstellung nicht mehr ändern. Mr. Breezzy übernahm komplett die Steuerung der Inspiration, was uns angenehme Tage und entspannte Nachtwachen bescherte. Auch AIS und Radar blieben leer, erst letzte Nacht war wieder Verkehr zu sehen, jedoch in mehr als 30 Seemeilen Entfernung. Die sternenklaren Nächte der vergangenen Tage waren wirklich beindruckend. Abgesehen von unseren Positionsleuchten ist es komplett dunkel hier draußen. Dort wo ich zuhause nur die hellsten Sterne des Orion erblicken kann, sehe ich jetzt ein Vielzahl davon. Wunderschön. So verhält es sich auch mit den Planeten, die hier gut mit freiem Auge erkennbar sind. Mars, Venus und Jupiter weisen uns des Nächtens den Weg, ja sogar Uranus konnte Manuela entdecken, sowie die Hörner des Sternbildes Stier.

Der Sonnenaufgang heute lies das Ende der Nachtwache abermals erahnen. Mittlerweile war Manu erwacht und schickte sich an, Kaffee und Frühstück zu bereiten. Ich saß währenddessen im Cockpit, zupfte (trimmte) ein wenig an unserem Segel und passte den Kurs an, als ich wildes Gefluche aus der Pantry hörte. Sofort eilte ich zum Niedergang, um dort eine bitter bös dreinblickende Manuela zu sehen, welche mit dem Herd schimpfte. Mit dem Herd? Nein eigentlich mit der Kaffeekanne oder vielmehr mit sich selbst. Denn just in dem Moment als sie ihre Hand ausstreckte, um das Salz zu greifen, kippte eine Welle das Boot ein wenig zur Seite und ihre Hand ebenso. Dort wo ihre Hand jetzt war, war aber auch die Kaffeekanne. Beim Versuch die Kaffeekanne zu fangen hat Manuela sich dann zu allem Überfluss noch ein wenig verbrüht. Der Kaffee ergoß sich indes auf den Salonboden um zwischen den Bodenbrettern in die darunterliegende Bilge zu verschwinden.

Somit ist in der Bilge zukünftig ein neues Aroma zu finden. Ihr müßt wissen, die Bilge ist sozusagen der tiefste Punkt oder die tiefste Fläche im Boot, Dort gibt es auch eine Pumpe, welche allenfalls eingetretenes Wasser abpumpen könnte. Eigentlich sollte die Bilge trocken sein, doch dem ist nicht immer so. Wir hatten früher einmal einen undichten Schlauch vom Wassertank zur Pumpe. Im Ergebnis standen 10 cm Wasser in der Bilge. Dem Kapitän/Skipper kommt dann immer die ehrenvoll Aufgabe zu das Wasser zu kosten. denn das gibt Aufschluss, woher es kommt. Schmeckt es süß, kann nur von den Wassertanks oder oder vom Deck oben kommen, schmeckt es salzig, ist es Seewasser, dass irgendwo ins Boot gelaufen ist. Schmeckt es eigenartig salzig, sollte man die Toilettenschläuche oder den Holdingtank überprüfen und so weiter. Jetzt kann unser „Wasser in der Bilge“ auch nach Kaffee schmecken, wobei Manuelas letzter Kommentar war : „Ich mache nie wieder Kaffee auf dem Meer“. Ich hoffe inständig, das überlegt sie sich nochmal.

Mittlerweile hat der Wind ein klein wenig zugelegt. Die Inspiration zieht auf dem Steuerbordbug der Stadt Mindelo auf den Kaopverden entgegen. 130 Seemeilen liegen noch vor uns und so werden wir die Marina morgen um diese Zeit erreichen . da weder am Radar noch am AIS in einem Umkreis von 100 Meilen andere Schiff zu sehen sind, verziehen wir uns unter Deck und machen es uns gemütlich. Während wir uns darua freuene, Silvester am Meer zu feiern und uns auf die Ankunft am 1. 1. 2025 in Mindelo freuen, höre ich immer wieder ein knarrendes Geräusch , das vom Mast zu kommen scheint. Ich gehe der Sache nach, lege mein Ohr an den Mast und spüre mit den Fingern an den Leinen. Gefunden, es ist die unter ziemlicher Spannung stehende Leine, welche den Spibaum nach oben sichert, Topnant genannt. Somit nichts gravierendes. Eine innere Intuiution sagt mir, es wäre gut trotzdem die Wanten, also die Mastverspannungen zu kontrollieren und ich werde zu meinem ersten Erschrecken tatsächlich an der steuerbord Unterwant fündig. Am Terminal hat sich ein der 19 Kardeelen des Stahlseiles gelöst oder ist gebrochen und das Seil hat sich schon ein wenig aufgedrillt.

Obwohl noch keine direkte Gefahr geggeben ist, sichern wir sofort den Mast mit einer zusätzlichen Leine an dieser Stelle ab, um anschließend durch Kabelbinder und Tape ein weiteres aufdröseln zu verhindern. Wir bergen den Spibaum und den größten Teil der Genua, damit das Rigg möglichst wneig belastet wird. Den Rest der Strecke, ca. 100 Seemeilen, fahren wir daher unter Motor.

Es ist 23:05 Uhr bei uns am Schiff, ich habe gerade Wache und stelle Fest, dass auf Whattsapp die Neujahrswünsche hereinbrechen. Verwundert darüber, das es doch noch zu früh sei, schließe ich mich in deiner der Gruppen an und während ich so tippe wird mir klar woran es liegt. Die Zeitverschiebung! Wir sind in der London Zeitzone, also eine Stunde später, so gesehen kann man schon ein gutes neues Jahr wünschen. Kurz vor Mitternacht kommt Manuela ins Cockpit, das Handy dudelt schon den Donauwalzer und wir aktivieren die bunten Knicklichter in Ermangelung von Feuerwerk. Einen kurzen Stehwalzer später stoßen wir noch mit einem Radler auf das neue Jahr an und machen den Wachwechsel.

Am nächsten Morgen stielen wir nach vorne, um doch endlich die Kapverden zu sehen, doch sie scheinen wie vom Erdboden verschluckt. Ein sandiger Dunst versperrt uns die Sicht und so sehen wir die schroffen Felsen erst, als wir nur noch wenige Meilen entfernt sind. Es ist schon eine beeindruckende Landschaft, welche sich aus dem Nichts erhebt. Schließlich erreichen wir die Bucht von Mindelo, kontaktieren die Marina und bekommen einen Liegeplatz am Aussensteg, in der nähe der Tankstelle gelegen. Diese Schwimmstege hier sind sehr „lose“, das bedeutet jeder Schwell, egal vom Wind oder den Fähren verursacht, bringt die Inspiration gehörig in Bewegung, was sich an den stark knarrenden Festmachern unschwer erkennen läßt. Daher bauen wir sofort mit 2 weiteren Festmachern und einem Gummistropp einen Dämpfer, damit die Leinen ein wenig entlastet werden.

Der Sailor, der uns beim Anlegen behilflich ist, teilt uns mit, dass heute wenig überraschend ein Feiertag ist und somit auch das Office geschlossen ist. Das bedeutet vorerst für uns, dass wir mangels Code – Karte keinen Zugang zu den Duschen haben werden. Doch neue Freunde vom Transocean Verein, welche auch hier mit ihrem Boot liegen, leihen uns freundlicherweise ihre Karte und nach 20 Minuten sind wir beide wieder wie aus dem Ei gepellt. Scheinbar wurde das ganze Warmwasser in die Herrenduschen umgeleitet, denn während Manu fröstelnd unter dem eiskalten Duschwasser stand, konnte ich meiner Warmduscherei fröhnen. So was aber auch !

Wegen des Feiertags können wir auch nicht einklarieren, also offiziell einreisen, was uns veranlaßt den Abend an Bord zu verbringen um sowieso bald völlig übermüdet in die Koje zu fallen. Am nächsten Morgen melden wir uns zuerst in der Marina an, dann vereinbaren wir die Reparatur mit dem örtlich ansässigen Betrieb und machen uns auf zum Immigration Office. Den Weg erfragen wir uns, um schließlich in 2 sehr winzigen Büros die Formalitäten zu erledigen. Jetzt sind wir offiziell und legal eingereist!

Gestern, Donnerstag waren schon die Rigger an Bord und haben die beschädigte Want abgebaut. Es werden diese offensichtlich immer paarweise gewechselt, daher bekommen wir Backbords auch eine neue Unterwant, obwohl die alte eigentlich noch in Ordnung ist. Sie wird als Ersatzteil, wie schon so Vieles in der Heckkabine verschwinden. Am Abend traf sich dann eine kleine, feine Runde in der Floating Bar. Jeder hatte viel von seinen Reisen zu berichten, und irgendwie stellten wir fest, dass sich unsere jeweiligen Geschichten doch sehr ähnlich waren. Die Sperrstunde beendete einen wirklich netten Abend mit neu gewonnenen Freunden.

Wir freuen uns schon auf die neuen Wanten, welche heute noch eingebaut werden, denn dann sind wir wieder klar für die hohe See. Wir werden in den nächsten Tagen noch nachbunkern, auftanken und am Montag Morgen ausklarieren. Danach geht es los, nächster Halt Karibik. Je nachdem, wie schnell wir sind, werden wir zwischen 15 und 20 Tage unterwegs sein. Das nächste Mal lest ihr von uns, wenn wir mitten am Ozean sind!

Wir wünschen euch allen nachträglich ein gutes glückliches neues Jahr ! Bis bald!

Liebe Grüße

Gerhard und Manuela

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Ein Kommentar

  1. Wir haben schon auf den neuen Beitrag gewartet.

    Num sitzen wir beide hier und lesen ganz fasziniert.

    Herrlich, informativ, einfach super.

    Danke

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