Wir überqueren den Atlantik!

Guten Abend zusammen! Angekündigt war, dass wir das nächste Mal vom Atlantik bloggen. Daraus ist leider nichts geworden. warum genau kann ich auch nicht sagen, es lag wohl an einer Reihe von Umständen und sicher auch an der Wetterlage im letzten Drittel unserer Ozeanüberquerung. Wie auch immer, jetzt ist es soweit und dieser Blog wird ob der lange Pause umso ausführlicher, denn es gibt wahrlich Einiges zu berichten.

Die neuen Wanten sind schon am nächsten Tag, dem Freitag eingebaut worden. Da am Wochenende die Immigration geschlossen hatte, wollten wir am Montag darauf losfahren. In Vorbereitung dessen marschierten wir durch die Stadt auf der Suche nach Märkten, Supermärkten und Straßenverkäufen. Wir deckten uns nochmals mit frischem Obst, Wasser, Keksen, Wurst und Käse, Knabbereien, Kaffee, Faschiertem, Bier (ganze vier Dosen für 3 Wochen), Zuckerl, Brot und natürlich für mich mit Zigaretten ein. Das Obst und Gemüse kauften auf dem Markt sowie an kleinen Ständen und Hinterhöfen an der Straße. Ganz so wie wir uns dass vorgestellt haben.

Vor der Abfahrt checkten wir das Boot nochmal so richtig durch, was dazu führte, dass ich den Mast bis zur Hälfte erklomm und Manuela mehrmals bis ganz oben musste. Warum fragt ihr euch? Naja, weil wir in der Kommunikation schon viel viel besser geworden sind, aber offensichtlich der Captain hin und wieder nicht ganz klar sagt, was denn nun tatsächlich dort oben im Krähennest kontrolliert werden soll. Der Captain (ich) sieht das naturgemäß ganz anders und außerdem und sowieso, habe ich ja die Arbeit an der Winsch zu leisten, wenn Manu mit dem „Fahrstuhl“ nach oben gezogen wird. Im Ergebnis haben wir alle, wirkliche alle Bolzen und Splinte des Riggs kontrolliert, den Motor geprüft und vieles mehr. Wir waren bereit!

Am Montag ging es gleich am frühen Morgen zur Maritime Police und zur Immigration, wo die Ausreiseformalitäten erledigt wurden. Dabei hat sich bemerkenswertes zugetragen. Vorbereitend muss ich erklären, dass in Österreich Titel immer noch von Bedeutung sind. Da ich ja mein Studium nicht abgeschlossen und den „ING.“ wohl tragen dürfte, aber nie beantragt habe, fehlt es mir an einem solchen (nicht wirklich). Als ich da so im Büro der Maritime Police saß und auf meine Permission wartete, richtete der Beamte, ein Polizist in höchst offizieller Uniform, folgende Frage an mich: „Captain, Sir, what is your next destination?“. Ich gab ihm zur Antwort „Martinique, Sir“. Der Beamte fuhr dienstbeflissen mit seiner Tätigkeit fort, sich gar nicht bewusst seiend, dass er mir gerade höchst offiziell einen Titel verliehen hat. „Captain“.

Großartig! Zukünftig werde ich mich immer mit Cpt. Gerhard Böhm vorstellen (HiHiHi). Ich versuche Manu noch dazu zu bewegen, zu Pfeifen, wenn ich ins Cockpit komme, so wie bei der US Navy, was soviel bedeutet wie „Captain on Deck“, wobei die Wahrscheinlichkeit äußerst gering ist, dass sie das jemals machen wird.

Nach einem köstlichen Snäck zu Mittag gings noch an die Tankstelle und dann fuhren wir unter den Klängen der Tröten und Hupen unserer neu gewonnen Seglerfreunde los. Am Abend zuvor sind wir noch mit unseren Stegnachbarn auf einen Absacker in der Floating Bar gewesen und haben wieder neue Freunde gefunden. Die beiden warten noch auf Ersatzteile für ihre WAVES und werden uns dann nach Martinique folgen. Gemeinsam mit uns sind Uli und Claudi von der PALOMA GRANDE mit dem Ziel Barbados sowie die Crew der ARABEST bestehend aus einer Familie mit zwei kleinen Kindern sowie dem Vater und einem Hund mit Ziel Brasilien aufgebrochen. War die Marina Rubicon noch ein relativ normaler Hafen, ist Mindelo der Ort, wo sich die Langfahrtsegler, Weltumsegler und Ozeanüberquerer ein Stelldichein geben. Dies schafft eine ganz besondere Atmosphäre, welche über der ganzen Marina liegt und es ist fühlt sich toll an, ein Teil davon zu sein.

Unter Maschine verließen wir die Bucht von Mindelo, vorbei an den auf Reede liegenden Frachtern und richteten unseren Bug gen Westen. Entlang der schroffen Felsen schob sich die Inspiration dahin, ihr vibrieren verriet, dass sie es gar nicht erwarten konnte, endlich unter Segeln die Wasser des Atlantiks zu durchqueren. Zuvor mussten wir noch um ein Kap herum, bevor wir die Genua heraus holten und die Maschine stoppten. Durch den zwischen den Inseln entstehenden Düseneffekt hatten wir guten, zuweilen böigen Wind. Die Karibik lag im Westen und doch fuhren wir Kurs Südwest, denn diese Inseln erzeugen ein beachtliches Lee, ein Gebiet mit wenig oder gar keinem Wind auf der windabgewandten Seite. So vergingen die ersten zwei Tage. Unser Ziel war es, bis zum 15 Breitengrad Nord zu segeln, bevor wir nach Westen eindrehen wollten. Uli, der mittlerweile seine Rückstand aufgeholt hatte, zog Nachts mit Passatbesegelung an uns vorbei.

Hier draußen stellte sich so manches anders dar, als ich es mir zuhause vor dem Kamin mit dem Finger auf der Landkarte vorgestellt hatte. Unsere neue Genua zog so gut, dass wir bis dato nur mit eben dieser unterwegs waren. Als Uli bei uns vorbeizog, packte mich, so muss ich zugeben, ein wenig das Rennfieber, daher wollte ich auch mehr Segelfläche ausbringen. Obwohl wir alles für die Passatbesegelung dabei hatten, war ich nach wie vor diesbezüglich ein wenig reserviert, der Schaden an der Unterwant steckte immer noch in den Knochen. Keinesfalls wollte ich eine Überlastung des Riggs riskieren, obwohl ich weiß, dass es die Passatbesegelung locker aushält. Daher haben wir uns entschieden im Butterfly, also Schmetterling zu segeln. Dazu wird das Großsegel an der gegenüberliegenden Seite der Genua gesetzt. So fährt man vor dem Wind, ähnlich wie die Rahsegler in früheren Zeiten.

Damit wir das Groß setzen konnten, mussten wir den Kurs ändern. Das Achterstag wurde entlastet (Verspannung des Mastes nach hinten). damit die Rollanlage im Mast frei drehen konnte und nach einigen weiteren Justierungen stand das Großsegel in voller Pracht da. Sofort installierten wir den Bullenstander, welcher bei Fahrfehlern eine Patenthalse verhindern soll. Bei der Patenthalse schwingt der Großbaum, jene Aluminiumstange, welche das Segel unten fixiert, mit voller Wucht von einer Seite auf die andere. Das ist sehr gefährlich, einerseits, weil dieser Großbaum nicht sehr hoch über unseren Köpfen schwingt und ein Treffer fatal sein könnte und andererseits, weil der schwingende Großbaum auf die Wanten treffen könnte und diese im schlimmsten Fall derart überlasten würde, dass sie reißen, was zur Folge hätte, dass der Mast instabil wird und umfällt. Daher gehört es zur guten Seemannschaft, dieses Risiko mit dem Bullenstander abzufangen.

Die Inspiration legte sofort in punkto Geschwindigkeit ordentlich zu, jedoch erwies sich dieser Kurs für unseren Mr. Breezzy aufgrund des starken Wellenganges als nicht steuerbar. Auch für uns war es schwierig diesen Kurs manuell zu halten und mehrmals musste der Bullenstander seine Arbeit verrichten. Aus Sicherheitsgründen entschieden wir, alles wieder zurück zu bauen. Nach einer Stunde war das Thema Butterfly fahren vorerst einmal erledigt. Der Wind hatte ein Einsehen mit uns, frischte ein wenig auf und so erreichten wir auch mit nur einem Segel berauschende Geschwindigkeiten.

Seit einigen Tagen zogen wir eine Angelleine hinterher. Nach 2 Tagen ohne irgendeinen Erfolg hatten wir eine Biss, doch war es mir nicht möglich den Fisch an Bord zu bringen. Kurz vor dem Heck der Inspiration ließ ich kurz locker und unser vermeintliches köstliches Mahl nutzte die Chance, riss sich los und entschwand in den Tiefen des Ozeans. Pech gehabt. Tags darauf war es dann soweit. Wieder hatte ein Fisch angebissen, doch diesmal ließ ich nicht mehr locker. In Windeseile holte ich die Leine ein und Minuten später zappelte ein „Mahi Mahi“, eine Goldmakrele am Platz hinter dem Steuerrad. Mit feinstem Grappa wurde der Fisch von Manuela betäubt, um anschließend von ihr fachgerecht erlegt zu werden. Es war faszinierend, ihr dabei zuzusehen, denn sie wusste genau was sie da tat. Ein Schnitt am Bauch, ein gezielter Stich und der Fisch war erlegt, einige Schnitte später ging die Organblase nebst Kopf über Bord und Manuela verschwand mit dem Fisch unter Deck. Ein Schnitt hier, ein Schnitt da, schon waren die Filets herausgelöst und mir kam die Aufgabe zu die Reste, wie Schwanzflosse oder Rückgrat über Bord zu befördern und somit der natürlichen Nahrungskette zuzuführen.

Naturgemäß gabs zu Mittag „Mahi Mahi“ Filets mit Kartoffeln und Abends „Mahi Mahi“ mit Gemüsereis, einfach köstlich. Das Fischen und vorallem das Fangen derselben sollte sich im Laufe der Reise noch als willkommene Ablenkung zu Wind, Wellem und Squalls erweisen, doch dazu später mehr.

Die Kapverden waren schon lange außer Sicht und so weit das Auge reichte war nur mehr die keineswegs glatte Oberflache des Atlantiks zu sehen. Wir sind hier gar nicht so alleine, wie man vermuten könnte. Plötzich sind vor uns 3 japanische Fischer aufgetaucht, die Ihre Netze gerade eben ausgelegt haben, erkennbar durch die Signale am AIS. Obwohl diese Fischer zum Zeitpunkt des Erscheinens am Monitor noch 60 Meilen von uns entfernt waren, haben wir dennoch sofort den Kurs angepasst, damit wir uns nicht als Beifang an Bord eines dieser Schiffe wiederfanden. Unser Kurs sollte uns eigentlich geradewegs nach Martinique führen, nun liefen wir ein wenig nördlicher um besagte Fischer zu umfahren. Dadurch nähern wir uns einer Flautenzone, die durch das immer noch vorherrschende, riesige Tiefdruckgebiet, welches sich entlang der gesamten amerikanischen Ostküste ausgebreitet hat, verursacht wurde.

Es ist schon großartig, welche technischen Hilfsmittel uns heute zur Verfügung stehen. Meine Helden, Bobby Schenk, Rollo Gebhardt, Winfried Erdmann, Wolfgang Hauser und viele mehr, deren Bücher ich verschlungen habe und mit Ihnen in Gedanken schon mehrmals um den Globus gereist bin, sind in den 60er und 70er Jahren unterwegs gewesen. Kein GPS, kein AIS, kein Starlink, keine Solarmodule, schlechte Batterien usw. Der Romantiker mag zu recht denken, damals war es noch ein echtes Abenteuer, ganz abgeschnitten von vom Rest der Welt und er mag damit Recht haben. Navigation allein mit dem Sextanten, wirklich eine spannende Vorstellung. Doch vielleicht haben sich die Menschen seither verändert oder bin zumindest ich anders als diese Haudegen.

Man stelle sich vor, mitten auf dem Atlantik konnten wir ein Videotelefonat via Starlink mit meinen Eltern machen. Das ist einen besondere Qualität der Nähe zu den Lieben zuhause. So ist es möglich, sie an tollen Momenten teilhaben zu lassen, wie zum Beispiel als wir den Stromboli umrundeten oder ein für mich sehr emotionaler Moment, als wir den magischen Point Europe in der Straße von Gibraltar passierten. Starlink ermöglicht mir, jetzt diesen Blog zu schreiben und auch online zu stellen, es ermöglicht uns, über eine WhattsApp Gruppe mit einer Vielzahl von Followern (Familie, Freunde, Weggefährten) verbunden zu sein und sie aktuell an unseren Erlebnissen teilhaben zu lassen. Für den Fall, dass wir medizinischen Rat brauchen, bekommen wir eine Diagnose via Videocall von unserer Support Ärztin Fabienne, was soll ich sagen, einfach großartig.

Früher war es unter Langfahrtseglern usus, eine Amateurfunkanlage an Bord zu haben und ist es zum teil auch heute noch. Ich möchte gar nicht auf die Stärken und Schwächen im Vergelich mit Starlink eingehen, sondern unsere Erfahrung mit Zweiteren wiedergeben. Mit uns sind Uli und Claudi mit ihrer PALOMA GRANDE aus Mindelo, ausgelaufen, ihr Ziel ist Barbados. Wir haben uns in Mindelo bei einem lustigen Abend in der Floating Bar kennengelernt und waren sofort auf einer Wellenlänge. Uli ist schneller als wir und ungefähr 70 Meilen vor uns.

Da wir nicht mehr in UKW Funk Reichweite waren, kommunizierten wir mit der PALOMA GRANDE per Whattsapp und Starlink, jeden Morgen um 8 gabs ein Telefonat und untertags chatteten wir. Genauso mit Andreas von der COCOON. Andi hat uns über eine WhattsAPP Gruppe von TransOcean angeschrieben, da er auch nach Martinique segelte und in unserer Nähe war. Wir alle waren miteinander verbunden und teilten unsere Gedanken bzgl. der Route, dem Wetter und auch die eine oder andere Blödelei durfte nicht fehlen. Früher, so habe ich gehört wurde das mit dem Amateurfunk gemacht, mittlerweile haben sich große Whattsapp Gruppen gebildet. Für uns ist das super, denn wir haben die Gewissheit, das wir nicht ganz allein sind hier draußen und Hilfe bekommen, wenn wir sie benötigen sollten. Wir mögen dass sehr, auch wenn das vielleicht nicht das Abenteuer eines Bobby Schenk oder Rollo Gebhardt ist. Für uns ist es genau das passende Abenteuer und wir fühlen uns pudelwohl.

Der Wind kam nun seit einigen Tagen schon aus Nord Ost Ost (NOO) und bließ uns Richtung Martinique. Wir hatten entschieden, zwischen dem 14. und 15 Breitengrad zu bleiben und so Martinique direkt anzusteuern, denn dies schien uns die kürzeste Strecke angesichts der Windprognosen. Im Vorfeld der Reise habe ich mit viele Gedanken über das sogenannte Wetterrouting gemacht. Dabei handelt es sich um eine von einer Software erstellte Route. Die Lage dieser Route hängt von den aktuellen Wetterdaten verschiedener Wettermodelle ab und die Software erstellt je nach Vorgaben zum Beispiel die schnellste Route. Am Markt gibt es verschieden Anbeiter, der Bekannteste ist wohl „PredictWind“ den viele Segler verwenden. Diese Programme sind jedoch nicht kostenlos und so kommt bei einem entsprechenden Abo ein ganz schönes Sümmchen zusammen. Es gibt natürlich auch Freeware Programme, die auch ganz gut funktionieren sollen. Doch irgendwie hat sich diese ganze Thema für mich nicht gut angefühlt und so haben wir entschlossen, unsere Route „Manuell“ mit Hilfe der APP Windy zu entwickeln. Nachdem wir gut, sicher und in einer passablen Zeit an unserem Ziel angekommen sind, können wir sagen, für uns war das perfekt.

Obwohl die Erinnerung an die nicht wirklich gut funktionierende Butterfly Besegelung noch recht frisch war, verspürte ich dennoch eine innere Unruhe, wenn ich unseren Fortschritt mit dem der Paloma Grande verglich. Uli hatte schon frühzeitig Passatsegel gesetzt und zog uns so richtig davon. Daher entschloss ich mich ebenfalls die zweite Genua zu setzen, fliegend, das heißt nicht wie die andere Genus am Vorstag (vordere Abspannung des Mastes) fixiert, sondern mit dem Spifall hochgezogen und unten am Ankerbeschlag mit einer Leine fixiert. Der zweite Spibaum war in Position gebracht, alle notwendigen Leinen bereitgelegt. Wir zogen die zweite Genua hoch, sie entfaltete sich wunderbar und ein leichter Zug an der Genuaschot brachte sie schön langsam in die richtige Position. Alles schien perfekt zu laufen und ich spürte schon, wie wir beschleunigten. Da wir einen kreuzende Welle hatten, kam es immer wieder vor, dass die Segel nicht richtig zum Wind standen und einfielen. Das sollte durch den Spibaum verhindert werden und bei der anderen Genua tat dieser auch wie geheißen. Doch bei der jetzt zusätzlich gesetzten Genua war das, warum auch immer noch nicht der Fall und so nahm das Unglück seinen Lauf. Die Genua ging ein wenig nach vor und weil sie fliegend gesetzt war, drehte sie sich in sich selbst ein. Manu machte mich darauf aufmerksam, da ich gerade mit dem zweiten Spibaum beschäftigt war. Ich eilte sofort nach vorne um diesen Wickel schleunigst zu beseitigen, doch da war es schon zu spät. Der Wind erzeugt einen enormen Druck in dem verdrehten Segel, wodurch die untere Fixierung des Segels mit einem lauten Knall zerriß. Ich muss ehrlicherweise gestehen, dass das ganz alleine meine Schuld war. Im Eifer des Gefechts hatte ich für die Fixierung die nächstbeste Leine gewählt. Diese hätte die Belastung vielleicht ertragen doch da ich sie mit einem Knoten am Ankerbeschlag befestigt hatte und nicht wie es die gut Seemannschaft eigentlich verlangen würde, mit einem Metallschäkel, gab die Befestigungsleine unter dem Druck und wohl auch unter der Reibung nach. Asche auf mein Haupt, und das nicht zu knapp, den was dann ablief hätte auch mit massiven Schäden enden können.

Nachdem die Fixierung am Bug Geschichte war, flatterte das Segel nach vorne aus, es hing jetzt nur noch an der Schot und am Spifall. Alle Versuche, das Segel einzufangen schlugen fehl, irgendwie auch verständlich, denn wenn 15 Knoten Wind an 36 Quadratmeter Segel zerren haben nicht einmal Schwarzenegger und Stalone zusammen ein „Leiberl“. Da mir nix besseres Einfiel, lockerte ich das Spifall. Meine Idee war, dass, wenn das Segel das Wasser berühren würde, vielleicht eine Chance bestand, es an Bord zu holen. Das war ein Irrtum. Als das Segel zu einem Viertel auf der Wasseroberfläche auflag, bekam ich es zwar zu fassen, doch hatte ich nicht damit gerechnet, dass sich das Segel, durch die Strömung gezogen, anschickte, unter die Inspiration zu gleiten. Der Zug am Segel war so groß, dass es unmöglich war, es an Bord zu bekommen. Zumindest war der Zug am Spifall weniger geworden und somit auch die Gefahr für den Mast vorerst gebannt.

Ich dachte ich könnte kurz durchatmen und überlegen was jetzt zu tun sei, doch weit gefehlt, denn Manuela durchbrach mein Grübeln mit den Worten „Gerhard, das Ruder (Steuerrad) blockiert“. Das Segel war nicht wie vermutet vor dem Kiel sondern hinter dem Kiel durchgezogen und hatte sich ganz oder zum Teil um das Ruderblatt gewickelt. Jetzt war es höchste Zeit zu handeln, denn wir hatten ja noch die erste Genua draußen und somit war es sehr unvorteilhaft, dass wir nicht mehr steuern konnten. Ich gab Manu die Anweisung die Genuaschot der im Wasser befindlichen Genua kontrolliert nachzugeben. Gleichzeitig gab ich mehr Spifall frei und führte das Spifall auf die andere Seite, dort wo die erste Genua ausgebaumt, vom Wind prall gefüllt, stand. Irgendwie bekamen wir das Ruder durch dieses Manöver wieder frei. Das Segel war unter dem Heck hervorgekommen und wir glaubten es jetzt doch endlich unter Kontrolle bringen zu können, doch sollten wir nochmals eines Besseren belehrt werden. Das nachgeschleppte Segel verhielt sich wie ein riesiger Treibanker, der uns zum Einen starker verlagsamte und zum Anderen so viel Zug auf das Spifall ausübte, dass diese mit einem Ruck über die ausgebaumte Genua huschte dann jedoch an der Nock des Spibaumes (äußerster Punkt, oder das Ende der Fahnenstange) hängen blieb und den Spiebaum samt Genau nach hinten drückte, bis dieser die Wanten berührte und ebenso belastete. Die Wanten sind die seitlichen Abspannung des Mastes und können so was gar nicht leiden. Damit keine dieser Wanten unter Belastung nachgab, lösten wir schnell Spifall und Genuaschot der im Wasser befindlichen Genua und Gott sei dank hüpfte das Spifall von der Nock, der Spibaum ging wieder nach vor und nahm die Last von den Wanten. Obwohl wir keineswegs mit der Bergeoperation fertig waren, fiel mir ein ganzer Steinbruch vom Herzen, denn diese Situation hätte auch mit dem Totalverlust des Mastes enden können.

Scließlich führten wir die verbleibenden Leinen zusammen und bargen die Genua durch den Heckkorb ins Cockpit, ein Kraftakt den wir nur gemeinsam bewältigen konnten. Als der letzte Zipfel des Segels an Bord war, richteten wir die Inspiration wieder auf Martinique aus und vielen ziemlich ermattet auf die Cockpitbänke. Es kam uns so vor als wären nur 15 Minuten vergangen doch waren es eineinhalb Stunden, die dieses mißglückte Manöver benötigte. Nachdem, wir uns wieder einigermaßen erholt hatten, kontrollierte ich im Rahmen unsere Möglichkeiten das gesamte Rigg, jede Befestigung, alle Stahlseile und den Mast auf irgendwelche Schäden, doch es war nichts zu erkennen. Unser Schutzengel, der auf diese Reise schon des Öfteren ausgerückt war, hatte auch diesmal wieder ganze Arbeit geleistet.

Es war Zeit, inne zu halten und ein Resümee zu ziehen. Keine Experimente mehr. Wir sind die fast minimale Crew und wollen sicher über den Atlantik. Also wenn der Skipper wieder mal eine gaaaaaanz tolle Idee hat, lässt er sie stecken. Ich muss sagen, als die beiden anderen ihre jeweiligen Ziele erreicht hatten und wir noch 300 Seemeilen zu fahren hatten, legte sich eine Entspannung und Ruhe über mein Gemüt. Interessant, dass ich, obwohl ich immer behaupte, keine Racer zu sein, doch solchen, riskanten Ehrgeiz entwickelte. Ich gelobe, dass wird ab jetzt anders. Der Ozean sollte uns ohnehin auf der Zielgeraden mit einer ganz individuellen Competition überraschen.

Nachdem wir schadlos den Racemodus verlassen hatten, war es Zeit, die Angelleine wieder auszuwerfen. Das Glück war uns hold, ein Barrakuda schnappte sich den Köder und lieferte mir einen aufregenden Kampf, den ich letztendlich für mich entschied. Unter Manuelas professioneller Anleitung nahm ich den Fisch aus und löste die Filets heraus. Manuela zauberte schnell Barakuda Sushi und brutzelte die Filets in der Pfanne zu einem wahrlich köstlichen Mahl. Es war ein wunderbares Erlebnis wieder etwas selbst gefangenes und erlegtes zu verzehren, irgendwie fühlte sich das archaisch männlich an und gut war es. Harrrrrr!

Das Glück sollte nicht abreißen und so freuten wir uns wenig später über einen Thunfisch am Teller. Diesen Thunfisch angelte Manuela, wobei „angeln“ hier fast untertrieben ist, denn sie stellte einen Rekord im „Speed Fischen “ auf. Kaum hatte sie den Köder zu Wasser gelassen erfolgte auch schon der Biss und gemeinsam drillten wir einen leckeren Thunfisch an Deck. Ich meine zu wissen, dass zwischen dem Auswerfen und dem Erlegen keine 10 Minuten gelegen haben. Alle Achtung!

Die Ablenkung durch das Fischen hatten wir auch nötig, denn inzwischen hatte sich das Wetter geändert. Ein Hochdruckgebiet nördlich von uns schaufelte dem Passatwind Energie zu, wodurch dieser seine Stärke wesentlich erhöhte, mit ihm zu unserem Leidwesen auch den Wellengang. Hatten wir im ersten Teil der Reise meist 2 bis 2, 5 Meter Wellen so schwankte die Inspiration nun in Wellen zwischen 3 und 4 zuweilen auch 5 Meter hin und her. Das Leben an Bord wurde dadurch nicht einfacher, vorallem unter Deck konnte man sich nur noch wie ein Affe bewegen. Eine Hand musste ständig an den Griffen Halt finden, ansonsten würde man sofort das Schicksal von so manchem (meist von Gerhard liegen gelassenen ) Utensil teilen und durch den Salon fliegen. Die blauen Flecken, die unsere Körper mittlerweile zierten, waren stumme Zeugen des Seegangs. Als ob das noch nicht genug gewesen wäre, hatten wir Kreuzsee. Dadurch kam es immer wieder vor, dass sich die Wellen aneinander hoch schaukelten und eine ganz besonders hohe Welle ( 5 m) erzeugten, die im besten Fall die Inspiration anhob und im Abgleiten über 12 Knoten Geschwindigkeit erreichen ließ, im schlechtesten Fall von hinten auf unser Heck prallte um sich brechend und tosend ins Cockpit zu ergießen. Beide hatten wir mehrmals das fragliche Vergnügen genau zu diesem Zeitpunkt am Steuer zu sitzen und von einen Moment auf den anderen pitschnass zu sein. Um zu vermeiden, dass sich das Wasser auch in den Salon ergoss, hatten wir Hälfte des den Niedergang verschließenden Steckschotts immer eingebaut.

Als ich wieder einmal Nachtwache hatte, kam Manu herauf, um mir mitzuteilen, dass der Boden im Vorschiff feucht sei. Wir gingen gemeinsam unter Deck, bauten unser Bett ab und öffneten die Bretter der Stauräume unter unserer Schlafstatt um festzustellen, dass es dort staubtrocken war. Sehr gut, somit hatten wir keine Wassereintritt . Die Feuchte kam wohl vom dem Wasser, welches über das Vordeck schwappte und durch die Lüftung eindrang. Während wir das im Salon diskutierten, war Grollen vom Heck zu hören, das uns beide sofort aufschauen ließ. Dem Grollen folgte ein Zischen und Wasser schoß über das halbe Steckschott in den Salon herunter. Ein wahrer Wasserfall ergoß sich über die Stufen. Wie durch ein Wunder wurde keine Elektrik beschädigt und wir entschieden, während ich die Windsteuerung am Heck kontrollierte und Manuela mit dem Wasserschöpfen begann, zukünftig den Niedergang immer ganz zu verschließen, auch wenn das ein wenig umständlich war, wenn man in s Cockpit wollte oder umgekehrt hinunter in den Salon.

Die Winde hatten uns weiter südlich getrieben, als wir das eigentlich wollten. Des weiteren merkten wir, dass uns der mit dem verschlechterten Wetter einhergehende Schlafmangel ordentlich zusetzte. Denn einerseits schliefen wir weniger, und kürzer, weil immer wieder mal was zu tun war, was die ganze Crew erforderte und andererseits schliefen wir aufgrund der heftigen Rollbewegungen schlechter. Alles zusammen machte uns im wahrsten Sinne des Wortes „Müde“. Die Motivation und Moral war dennoch ständig top, was vorallem auch Manuelas Kochkünsten geschuldet war. Obwohl immer wieder die Kaffeekanne umfiel oder sich die Suppe im Salon verteilte ließ sich Manuela nicht beirren und zauberte Leckereien auf den Tisch. Ich hatte den Part des genießenden Essers, den ich, so nehme ich an bravourös erfüllt habe. Daneben ließ ich meiner immer guten Laune freien Lauf und wurde nicht müde mein Freude über unser Abenteuer kund zu tun. Alles zusammen ließ uns nicht verzagen ganz im Gegenteil wir hatten große Freude an dem was wir taten, auch wenn so mancher Fluch zwischendurch unsere Lippen verließ.

Wunderschöne Sonnenauf- und Untergänge versöhnten uns mit der Natur und diese schickte uns immer neue Boten vom nahenden Land. Waren es anfangs die Weißschwanz Tropik Vögel, welche uns jeden Morgen begrüßten, kamen mit der Zeit Seeschwalben dazu welche schließlich von majestätischen Fregattvögeln abgelöst wurden. Letztere gaben uns ihr Geleit bis nach Barbados.

Halt!!!! Wieso Barbados? Was ist aus -Martinique geworden? Der weiter südliche Kurs sorgte dafür, dass Barbados ab einer gewissen Wegmarke einen Tag näher lag. Das und die Aussicht mit der Crew der PALOMA GRANDE wieder vereint zu sein und gemeinsam die Ozeanüberquerung zu feiern, ließen uns Kurs auf Barbados nehmen. 150 Seemeilen später konnte Manuela in ihrer Nachtwache erlösend „Land in Sicht“ rufen, denn die Lichter von Barbados schimmerten am Horizont. In meiner Wache tauchte nach und nach die Insel auf und mein Herz frohlockte. Nicht wegen der Strapazen, sondern weil wir etwas ganz besonderes geschafft hatten, doch das sollte uns erst später, vorallem durch die Kommentare der Anderen bewusst werden.

Die Crew der PALOMA GRANDE hatte uns schon Tage zuvor vor den tückischen und hohen Wellen an der Südostspitze von Barbados gewarnt, worauf wir uns entschlossen hatten, die Insel im Norden zu umschiffen, um dann in der Wellenabdeckung nach Süden zu laufen. Diese Taktik ging auf und wir konnten bei vergleichsweise ruhiger See die letzten Meilen zurücklegen.

Der Skipper hat sich wohl vor der Abfahrt mit Zigaretten eingedeckt, doch in zu geringem Maße. Die letzte Woche der Überfahrt war von Rationierung geprägt, doch sich etwas einzuteilen war noch nie die Sache des Skippers gewesen. Seien es Gummibärchen oder Zigaretten, das Motto war immer : “ sind sie da, sind sie weg“. So kam es, wie es kommen musste, am vorletzten Tag, am Ende der Nachtwache löste sich die letzte Chesterfield in Rauch auf. Dieser alarmierende Umstand wurde natürlich sofort der Paloma Grand PALOMA GRANDE mitgeteilt, worauf die Crew dieses „Raucherbootes“ sofort Gegenmaßnahmen einleitete. So trafen wir die PALOMA GRANDE nicht wie geplant erst in der Carleighle Bay vor Bridgetown. Uli und seine Crew kamen uns entgegen um uns auf halber Strecke abzufangen und mittels Angel und an deren Spitze montiertem Korb ein Päckchen Notfallzigaretten bei voller Fahrt von ihrem Bug an unser Heck zu übergeben. Denn Uli war sofort klar, mit einer Knappheit an Rauchwaren ist nicht zu spaßen.

Gemeinsam liefen wir in eine Bucht nördlich des Kreuzfahrtterminals ein, Uli setzte seine Anker und wir gingen längsseits, um so im Päckchen liegend die nächsten Tage zu verbringen. Kurz darauf knallten auch schon die Sektkorken, wir fielen uns in die Arme und feierten das Geschaffte mit Sekt, Bier und natürlich Rum bis tief in die Nacht. Wir waren in der Karibik angekommen.

Das war unsere Atlantiküberquerung, Kleines Schiff, kleine Crew mit der Lust auf das große Abenteuer!

Liebe, karibische Grüße!

Gerhard und Manuela

Einmalig
Monatlich
Jährlich

Einmalig spenden

Monatlich spenden

Jährlich spenden

Wenn euch unser Blog gefällt, dann lasst uns doch ein kleines Trinkgeld da. Wir verwenden es für einen Sundowner und auch die Inspiration würde sich über ein wenig Zubehör freuen. Vielen Dank ihr Lieben!
Gerhard und Manuela!

Wähle einen Betrag

€5,00
€15,00
€100,00
€5,00
€15,00
€100,00
€5,00
€15,00
€100,00

Oder gib einen anderen Betrag ein


Vielen Dank für deine Spende!

Vielen Dank für deine Spende!

Vielen Dank für deine Spende!

SpendenMonatlich spendenJährlich spenden

Ein Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar